Zum Abend

„Tschüss, Chef.“
„Wiedersehen, Doktor.“
„Ich geh dann mal.“
Eine der Arzthelferinnen nach der anderen und das Küken verabschieden sich, kieken kurz um die Zimmertüre, jedesmal für einen kurzen Moment klickt mein Hirn aus, weil mir jemand in Zivil gegenübersteht, aber Quatsch, na klar, ohne weisse Hose und Häubchen sieht jede anders aus.
„Ja, Wiedersehen, bis morgen.“

Ich verlasse stets als Letzter das sinkendeSchiff, so gehört sich das. Ich kenne Kollegen, die ihre MFA so getrimmt haben, dass diese morgens die ersten und abends die letzten sind, dann können die Kollegen den Schauspielplatz betreten, wie der Regisseur bei einem gut besuchten Theaterstück. Ich habe das nie hingekriegt.
Klar, gibt es Tage, wo ich schnell zu einem Termin oder Fortbildung muss, aber die Regel sieht anders aus: Ich sitze an meinem Schreibtisch, der Flur draussen ist dunkel, die eine Strassenlaterne funzelt auf meinen Schreibtisch, ich schalte die Festbeleuchtung zur Begutachtung der Kinder (eine Praxis hat einer Lux-Verordung zu folgen, ohja!!) herunter und belasse es bei der Schreibtischlampe. Dazu schimmert noch der PC-Schirm. Ich widme mich der liegengebliebenen Post, den obligatorische Kuranträgen und den drei Zetteln zwecks Rückruf dieser Mutter oder jenes Vaters.

Ich kann auch ein bisschen für mich sein. Das ist ok. Es drängt mich zwar nach Hause – Abendbrot, Fru und Kinners sehen, Abschalten – aber die Arbeit, die hier noch liegt, liegt schließlich morgen auch noch da. Also besser jetzt erledigen. Morgen kommt neue hinzu.

Und während ich die Lücken der Anträge fülle, meine Sprechstundenliste im PC abarbeite (alles eingetragen? nichts übersehen, weder eine wichtige Diagnose, noch eine wichtige EBM-Ziffer?) und die Telefonanrufe erledigt habe, geistern immer noch die einen oder anderen Kinderpatienten vor meinem Zentralkortex vorbei. Giuseppe mit dem Cochlea-Implantat, frisch in diesem Jahr eingesetzt, und er ach-so-glücklich damit mit seinen dreieinhalb Jahren, die endlich die Welt hören können. Maria-Theresa, mit ihrem Protheus-Syndrom, das linke Bein doppelt so dick wie das rechte, mit bereits zehn OPs in ihren sechs Lebensjahren, doch immer grinsend, jetzt noch schöner mit den ersten Zahnlücken. Und Patrick, der mit der PEG-Sonde seit seinem ersten Geburtstag, weil er trotz seiner Operation an der Speiseröhrenenge immer noch kein festes Essen auf normalem Wege zu sich nimmt. Er trägt sie nun schon zwei Jahre, sie ist Teil seines Körpers, und so stolz wie er darauf ist, so stolz ist er auch immer, ohne Furcht bei seinem Kinderarzt zu erscheinen. Mutig sein, das kann er.

Die Vorsorge U8 heute bei Roman, dem wir vor vier Jahren nach seiner Geburt mit 700 Gramm („sieben Tafeln Schokolade!“ hat die Mama immer gesagt) kaum ein Überleben zugetraut hätten – Hirnblutung, Augenhintergrundsveränderung, seinen ersten Monat an der Beatmungsmaschine – und trotzdem grinst er heute durch seine dicken Brillengläser auf mich zu – die Beine staksen durch den Flur, ok, und er wird auch nachher nicht auf einem Bein hüpfen wie die anderen, aber **so what?**
Dafür plappert er mir die Ohren zu, mit seiner piekfeinen zehnmalklugen Stimme, er räubert durch das Untersuchungszimmer, tatscht alles an, was nur entfernt nach Technik aussieht – Stethoskop, Otoskop, Waage, PC, Sonogerät, Wecker, Telefon – und will bei allem ganz genau wissen, „was das denn ist, Dokkor!“ Er sagt immer Dokkor – so lange er schon sprechen kann.

Und das Fussvolk. Die vielen vielen geschafften Eltern dazwischen nach der Grippewelle, die tapferen Rekonvaleszenten, die ihre Kinder nochmal vorstellen, ob sie denn „jetzt wirklich wieder fit sind“, und, kann ich es ihnen verübeln? Da waren noch die tapferen Frischeltern mit Vanessa zur ersten Impfung (die Mamas weinen immer mehr als ihre Töchter!), die Mutter, die beruhigt ihren zehn Monate alten Robin präsentiert – endlich ohne Neurodermitis-Spuren, nach erfolgreicher Cortisontherapie und nun Dauerpflege seit einem Monat – und „er hat endlich mal wieder durchgeschlafen“. Und noch diese. Und noch welche. Und die auch. Und jene auch.

Ich lasse sie jetzt aber hier, schließe die Tür, schalte das Licht aus, winke dem blauen dimensionslosen Bär von Pharmafirma Nullachtdreizehn, der mich morgens begrüßt und heute abend verabschiedet. Tschüss, Bär. Morgen wieder. Heute Ende. Nacht.

42 Gedanken zu “Zum Abend

      1. Das würde mich auch interessieren… ich habe in meinem ganzen Erwachsenenleben, also seit über 15 Jahren, keine medizinische Angestellte mehr mit Haube gesehen (außer im OP). Ich dachte, sowas gibts gar nicht mehr. Trägt der KInderdoc denn auch eine Kopfbedeckung? Und aus welchen Gründen?

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        1. Nein, ich trage blütenproperweiss, mit goldenen Knöpfen, und auf dem Kopf eine Bäckermütze, damit die Haare nicht ins Essen fallen.

          😛
          Leute, denkt Ihr wirklich, meine fMFA trügen Häubchen?

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        2. Hat doch keiner gesagt, dass es das Wichtigste ist? Und zu den anderen Inhalten gab es doch ausreichend Beifall…Der Duktus des Textes war einfach kein ironischer, darum ist es halt offenbar mehreren Leuten aufgefallen. Und da das hier ein Bildungsblog ist ;-), wollte ich halt mehr darüber erfahren. Schlimm?
          Danke Kinderdoc für die Aufklärung für die ganz Blöden ;-)…(wir trauen Ihnen eben alles zu…)

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  1. Hallo kinderdok, ich habe bei Dir schon viele posts gelesen. Bei manchen habe ich mich aufgeregt, andere waren seeeehr informativ, bei manchen habe ich gelächelt und gedacht: Recht hat er!! Aber dieser Post war bisher der Schönste!! Ich habe eine Gänsehaut bekommen!! Danke sehr!

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    1. ich bin wegen mama-sein seit einigen jahren aus dem beruf raus, aber bei diesem text kamen einige erinnerungen hoch.

      man kennt so viele patienten und die schweren schicksale einiger, man hat sich mit ihnen gefreut, gelacht, leider auch oft genug getrauert und geweint.

      danke doc!

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  2. Wunderschöner, berührender Beitrag :). Am besten irgendwo fett anpinnen, für die ganzen Nöler, dass du „immer nur über die Blöden bloggst“!

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  3. Gute Nacht, lieber Kinderdoc- wenn ich mir das Tränchen aus dem Auge gewischt habe, geh ich auch- vielen Dank für diesen wunderschönen Post…

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  4. Danke für diesen großartigen Artikel. Ich kann mich den Vor-Kommentatoren nur anschließen und schreibe hiermit (glaube ich) meinen ersten Kommentar bei dir nach vielen Jahren des stillen Lesens. Einfach toll.

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  5. schööön 🙂 einen etnspannten feierabend wünsche ich!

    lg, die ori (die bei der ersten impfung auch geheult hat und heute auch, als das baby sich den kopf an der tischkante angehaun hat… mamas sind heulsusen, is so! ^^)

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  6. „Weißt du wieviel Kinder schlafen,
    heute nacht im Bettelein?
    Weißt du wieviel Träume kommen
    zu den müden Kinderlein?“

    Vielen Dank fuer einen Schritt zurueck von der Bahnsteigkante des Lebens.

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  7. „zärtlich“, dachte ich am Ende es Postings (also der Ton Deines Postings ist zärtlich). Mit nem Tränchen in jedem Auge. Und dabei mag ich Kinder noch nichtmal besonders gern. Was tue ich hier?

    😉

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  8. schöner artikel lässt sich toll lesen. also ich habe erfahrungen in drei praxen gemacht und irgendwie war ich als erstkraft fast immer die letzte…….. die cheffs schon lange weg 🙂

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  9. Beruf? Berufung.

    Trotz aller Widrigkeiten, Kunden, Kollegen, Geschäftspartnern, Staat, Gesetzen und was es sonst noch so gibt, was einem gelegentlich den Arbeitsalltag vermiest:

    Wäre es nicht schön, wenn alle ihren Job mit so einer Leidenschaft und Anteilnahme ausübten….

    Wie bereits von anderen geschrieben: Kinderdoc, Du bist ’nen guter… 🙂

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  10. Auch ich möchte – Tränchen noch im Auge – Danke sagen für diese warmherzigen, rührenden, respektvollen, schönen Worte. Danke! Und dir und Fru un Kinners schönen Feierabend und schönes Wochenende.

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  11. Mensch, Dok, das ist doch ein gerechter Ausgleich: Du darfst als Erster kommen und darfst dafür als Letzter gehen 😉
    Eines finde ich jedoch ungerecht und damit gehört mein gesamtes noch verfügbares Mitleid DIR 🙂 :
    So kann ja die wichtige erste Tasse Kaffee/Tee nicht unmittelbar zu Arbeitsbeginn auf Deinem Schreibtisch stehen.
    Herzliche Grüße
    Hajo

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