Sommerberg

Das Jahr teilt sich in zwei grosse Abschnitte, die Zeit vor dem Sommerurlaub und die Zeit danach. Ich stelle mir einen grossen Berg vor, den es dabei zu erklimmen gilt, auf der Spitze gibt es ein Plateau, das sind die drei freien Wochen während der Sommerferien. Davor ist grau und grün, danach ist braun und bunt, nach dem bunt kommt etwas weiß, aber das sehe ich kaum. Die Arbeit in der Praxis ist saisongeprägt, das wissen alle, die mit Kindern und ihren Krankheiten zu tun haben, im Winter isses fett, im Sommer dünnt es aus, man könnte sich hier auch eine Talsohle vorstellen, aber das Gefühl zeigt mir diesen Berg.

Erklommen will er werden, begonnen nach Neujahr, durch die kalte Zeit hindurch, die sämtliche Regelleistungsvolumina sprengt (es möchte keiner wissen, was das ist), scharf an Karneval vorbei, in dem alle ihre Infekte noch einmal wild durchmischen, in stiller Hoffnung auf ein wenig Sonnenschein kurz vor Ostern und dem bösen April, der Seuchen bringt. Dann kommt schon der Frühling mit der Pfingstzeit – außer diesem Jahr natürlich, da war der Berg noch steiler. Zwischenrein brauchte es ein paar Steigeisen oder zumindest ein Steigset, es war eine V nach der UIAA-Skala. Viel Motivation an Eltern und Kinder, viel Durchhalteparolen an die Chroniker, viel Verschieben von Impf- und Vorsorgeterminen.

Doch irgendwann stehe ich am obersten Camp vor der Gipfelbesteigung, es sind die letzten zwei oder drei Wochen. Die längsten des Jahres. Jetzt ziehen sich die Tage wie Kleber, jetzt verschwören sich die stillen Patienten, die ich seit Jahren nicht gesehen habe – jetzt kommen sie alle noch einmal. Jetzt sucht die KV wahlweise die ÄK wahlweise der eigene Berufsverband nach neuen Verträgen oder Richtlinien, die die Saure-Gurken-Zeit mit Bürokratie füllen. Das Gewerbeamt oder der Eichmann lassen nicht lange auf sich warten. Sonst wär´s doch zu langweilig. Und endlich macht auch das Wetter mit. Es wird heiß, die Luft flirrt, das Fensteraufreissen oder -zulassen hält sich die vernünftige Waage und die Ventilatoren in den Zimmer umwälzen augenwischend die Luft. Die Wärme ist wie die Sauerstoffknappheit vor dem letzten Anstieg – die Bewegungen verlangsamen sich.

Doch dann schlage ich den letzten Haken ein, die letzte Seilsicherung, ziehe mich über den Rand des letzten Terminkalendertages hoch und seile mich auf der anderen Seite auf die kleine Ebene ab, die da heißt: Urlaub. Ich falle in das grüne Gras auf der anderen Seite, jetzt erscheint der Berg gar nicht mehr so hoch, und der Anstieg liegt weit hinter mir. Ich sammle die Seile auf, lege sie ordentlich zu mehreren Rollen neben mich und lege meinen Kopf in die kleinste. Mein Blick geht nach oben, zu den Wolken, dem Himmel, der Stille hier oben.

„Tschüss, Herr Doktor, und schönen Urlaub. Erholen Sie sich“, flötet die beste MFA von allen um die Zimmertür herum. Die anderen haben schon frei. Wir beide sind die letzten. Ich hebe kurz den Kopf und winke mit dem Gamsbarthut.
„Ja, schöne Ferien!“ Es sei ihnen gegönnt.

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