Das Versorgungsstärkungsgesetz

Jetzt ist es durch das Kabinett gegangen: Das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz. Es soll – so vermittelt es die Politik – die Ärzteversorgung auf dem Land und strukturschwachen Regionen verbessern, da sich immer noch zuviele Niederlassungswillige in den Städten sammeln.
Bisher konnten daher die Kassenärztliche Vereinigungen Arztsitze aufkaufen, damit diese in den Städten vom Markt „verschwinden“ – das neue Gesetz besagt, die KVen sollen diese Sitze kaufen (und streichen). Der alte Praxisabgeber erhält einen Teil seines Praxiswertes ausgezahlt, da er keinen Nachfolger findet.
Die Politik denkt, dass dann mehr Ärzte aufs Land gehen.

Die Ärzteschaft sieht das kritisch.
– Künftige Praxisabgeber werden ihre Zulassung an die KV verkaufen und sich nicht um einen Nachfolger kümmern (keine Übergangszeiten, keine Eignungsprüfungen).
– Niederlassungswillige werden nicht aufs Land gehen und die unattraktiven Sitze dort einnehmen, sie werden eher (wie besser) in den Kliniken bleiben oder sich andere Betätigungsfelder (in Forschung oder Ausland) suchen.
– Viele Gebiete (z.B. in der Kinderheilkunde) sind „überversorgt“, d.h. nach Berechnungen der KVen gibt es zuviele Ärzte pro Patienten. In unserem Gebiet z.B. hat man eine 140% Versorgung mit Pädiatern berechnet. Bedeutet: Möchten jetzt Kollegen den Sitz abgeben, werden diese einkassiert und gestrichen, bis die Versorgung ausgeglichen ist.

Letzteres bedeutet für die derzeitig Praktizierenden ein Horrorszenario, denn kaum eine Praxis kann sich über Arbeit beklagen, von einer Überversorgung mit Kinderärzten spüren wir rein gar nichts.
Warum?

– Die Patientenzahlen stammen aus Quellen der Neunziger Jahre – durch Zuwanderung (vor allem in die Städte eben) und gleichbleibenden Ärztezahlen (die Sperrung der Bezirke gibt es schon über fünfzehn Jahre) sind die meisten Praxen überlaufen. Übrigens auch der Grund für die langen Wartezeiten bei vielen Fachärzten und nicht etwa die viel zitierte Bevorzugung der Privatpatienten.
– Die Arbeit kann sich nicht alleine an Patientenzahlen orientieren:
In der Kinderheilkunde hat sich die Arbeit in den letzten Jahren sehr verändert:
# Mehr Impfempfehlungen (damit Termine)
# Mehr Vorsorgeuntersuchungen
# Mehr Verlagerung von gesellschaftlich-familiären (pädagogischen) Problemen in den medizinischen Bereich
# Mehr chronisch kranke Patienten, mehr Entwicklungsauffälligkeiten in Sprache und Motorik
# Mehr Beratungsbedarf der Eltern
# Erhöhte Morbidität der kleinen Kinder durch frühere Betreuung in Tageseinrichtungen
# Verschiebung der Behandlungen aus dem stationären in den ambulanten Bereich

– Viele Praxen stellen sich Assistenzärzte ein, die sie natürlich selbst finanzieren, mit denen sie aber gleichzeitig automatisch „gedeckelt“ werden, d.h. man darf nicht mehr Patienten behandeln als vorher.
– Der Nachwuchs ist i.d.R. weiblich (jedenfalls bei Kinderärzten) – Frauen möchten lieber Teilzeit arbeiten oder scheuen die Übernahme einer kompletten Zulassung

Werden nun Praxen geschlossen, müssen die Patienten irgendwo hin – es bleibt an den restlichen Kinderärzten, diese Patienten zu versorgen. Folgen sind Zahlen oberhalb der Deckelung (= werden nicht oder abgestaffelt vergütet), Ablehnung der Patientenannahme, Verschiebung der Behandlung von Kindern zu Allgemeinärzten (die sowieso genug zu tun haben und auch keinen Nachwuchs), Mehrbelastung der übrigen Praxisinhaber.
Alle jammern, der Ruf der Ärzte leidet – der Beruf wird für den Nachwuchs unattraktiver. Wer will da noch in die Niederlassung? Und wer dann noch in die ländlichen Regionen?

Versorgungsstärkung bedeutet de facto eine Schwächung der Patientenversorgung.

18 Einträge zu „Das Versorgungsstärkungsgesetz

  • Lieber Kinderdok!
    „Die Patientenzahlen stammen aus Quellen der Neunziger Jahre – durch Zuwanderung (vor allem in die Städte eben) und gleichbleibenden Ärztezahlen (die Sperrung der Bezirke gibt es schon über fünfzehn Jahre) sind die meisten Praxen überlaufen. “

    Ich kapier`s nicht. Nee, echt: ich kapier`s einfach nicht!?
    Es kann doch nicht so schwer sein, eine Auflistung der Patienten sowie die Auslastung der Einzelpraxen aufzustellen und anhand dieser Realwerte neue Berechnungen anzustellen? Also warum machen die das nicht?
    Bin ich jetzt blöd oder was ist da los? Nee, ich kapier`s einfach nicht!
    Kann mir das mal bitte einer erklären???

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    • Ich kann Ihre Verwirrung gut verstehen, aber eigentlich ist es ganz einfach: Die KVs verwalten (mal ganz vereinfacht gesagt) das Geld, das wir alle so für unsere Gesundheit ausgeben (müssen). Sie verteilen das Geld also an alle Stellen des Gesundheitswesens, wie Ärzte, Kliniken, aber eben auch (und genau da wird es haarig) an sich selbst, denn sie sind ja auch ein Teil des Gesundheitswesens! Sie sollen also gerecht das Geld verteilen, von dem sie selbst auch leben. Das kann doch gar nicht funktionieren!

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    • Diese Manipulation der Statistik – immer genau DIE Zahlen zu betrachten, die MIR gerade in den Kram passen – ist von den Kassen und auch von der Politik gewollt. Man sieht es (auch) bei den Apotheken:
      – Wenn die ARZNEIMITTELAUSGABEN steigen, wird bei den Apotheken gekürzt. Auch wenn nachweislich der Rohgewinn der Apotheken im selben Zeitraum gesunken ist.
      – Damit einher: Wenn der UMSATZ der Apotheken steigt, wird bei den Apotheken gekürzt – auch wenn der Rohgewinn der Apotheken im selben Zeitraum gesunken ist.
      – Die GKV und die Politik zieht zur Berechnung des GKV-Fixzuschlags den GESAMT-ROHGEWINN der Apotheken heran – einschließlich aller Gewinne aus dem Nicht-Rezept-Geschäft. Mit anderen Worten: Mit den Freiverkäufen werden politisch gewollt die verschreibungspflichtigen Arzneimittel subventioniert.
      – Differenzen zwischen MwSt.-Systemen Inner-Europas werden weggeschwiegen.
      – Beispiel: Eine Packung „Harvoni“ kostet im VK 22.260,88€ – Bereinigter Umsatz: 22.259,08€ – Nettoerlös: 18.704,95€ – MwSt: 3.554,26€ – Rohgewinn Apotheke: 551,45€ – Umsatzrentabilität (Spane) = 2,9%. Bei EINER Packung Harvoni steigt bei einem Tagesdurchschnittsumsatz von 15.000€ (realistischer Wert einer mittleren Kleinstadt-Apotheke) der Tages-Umsatz um 150% (22.260€), der Rohgewinnaber nur um 2,9% (550€). Politisch betrachtet wird aber NUR die Umsatzsteigerung.
      – usw. usw.
      Mir deucht, ich erkenne da ein System der Beeinflussung der „breiten Masse der Versicherten“ über Informationsmanipulation. Aber das ist wahrscheinlich ein Trugschluss meinerseits…

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  • Ups – ha“ „Morbidität mit „Mortalität“ verwechselt – uff, Erleichterung 😉

    Ansonsten ist das ein schönes Beispiel für „so lügt man (die KVen) mit Statistik“.

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    • Hihihi, so ging’s mir auch beim ersten Lesen. Aber bevor ich ernsthaft am Kinderdoc zweifeln wollte, hab ich es lieber ein zweites Mal versucht und siehe da 🙂

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  • Ich begrüße das Gesetz sehr.
    Hatte jetzt im Dezember einen Termin mit meinem Sohn für die U8.
    Ausgemacht habe ich den Termin im April!!
    Arzthelferin konnte vorher keinen Termin finden.
    Im Wartezimmer mussten wir „natürlich“ trotzdem 1h und 20 Min. warten.

    Bitte mehr Kinderärzte, es ist verantwortungslos was loß ist. Bundesland:BW

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    • Nicht verstanden? Mit dem neuen Gesetz wird es weniger Kinderärzte geben, d.h. Du wartest bei der U9 noch länger auf den Termin, weil Dein Arzt auch noch die Patienten versorgen muß, die in der geschlossenen Nachbarpraxis „frei“ wurden.

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  • Ich sehe das auch so, aber es ist leider ein sehr komplexes Thema, was für den Laien kaum durchschaubar ist.
    De facto sehe ich im Hausarztbereich keine Überversorgung in den Städten. Auch in den Städten finden Hausärzte keine Nachfolger mehr für ihre Praxen. Die übrigbleibenden Kollegen haben mehr und mehr zu tun, und natürlich können das die Krankenhausambulanzen nicht auffangen.
    Der klassische Hausarzt oder Kinderarzt in seiner Einzelpraxis, der die ganze Familie begleitet und über viele Jahre kennt, ist ein Auslaufmodell. Das ist poitisch so gewollt.

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  • Dieses Gesetz ist genauso solcher Schwachfug, wie die Behauptung eines Politikers, dass durch eine hohe Anzahl von Psychiatern und Psychotherapeuten es erst zu einer hohen Nachfrage gekommen sei. 🙄

    Man stelle sich vor, Menschen benötigen psychische Unterstützung erst dann, wenn eine hohe Zahl von Therapeuten da ist. *kopfschüttel*

    Ich weiß ja nicht, wer da das Rechnen in einfachen Zahlen nicht gelernt hat und es entsprechend als Philosophie für Politik und KV ausgegeben hat.

    Es gibt soviel Hausarzt-Praxen und auch Psychiater und Psychologen (bei Kinderärzten geht es uns hier in der Region noch relativ gut, aber das kann man ändern *Ironie off*) die keine Patienten mehr aufnehmen, die Gebietsschutz für sich in Anspruch nehmen oder wo es zu Wartezeiten von über einem halben Jahr kommt.

    Vielleicht sollten wir anregen, dass Grundschulwissen von diesen Menschen nochmals auffrischen zu lassen. 1 + 1 = ???

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  • Ich bekomme immer einen zeitigen Termin beim Facharzt.

    Wenn ich nach der KK gefragt werde, sage ich Debeka und wenn die fMFA dann beim Termin meine AOK-Karte sieht, streite ich die Debeka-Antwort vehement ab und lass mich auch nicht mehr rausschmeißen.

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  • Ganz genau. Wenn es gewünscht ist, daß mehr Ärzte „aufs Land“ gehen, dann muß man die Arbeitsbedingungen dort eben attraktiver gestalten. Ich möchte mit kleinem Kind und Ehepartner nicht nach Klein-Posemuckl ziehen, nur weil das sein muß. Wenn ich jetzt alleine wäre – dann wäre das eher denkbar, aber bei solchen Methoden schon aus Prinzip nicht. Es ist doch ähnlich mit dem Facharztmangel sogar in großen Universitätskliniken – unattraktive Arbeitsbedingungen, schlechte Vergütung, am Ende krankt die Weiterbildung am FA-Mangel, und die jungen Kollegen müssen mehr durch Versuch und Irrtum lernen, als notwendig wäre. Man kann ärztliche Versorgung nicht erzwingen, außer man greift auf Importärzte zurück, die z.B. unbedingt hier arbeiten wollen (das ist ein anderes Horrorszenario – der Notarzt des Hauses war schon für ein paar Dienste in MeckPom und durfte dort einen Patienten in eine Psychiatrie einliefern, wo alle(!!) anwesenden Ärzte nur gebrochen Deutsch oder Russisch sprachen. Total effizient bei einem Fach der sprechenden Medizin, nicht wahr? 😦 In Sachsen fand er ein KH vor, in dem außer der ITS nichts lief – keiner der Internisten oder Chirurgen konnte ein Herzecho schallen, Verlegen in die nächstgrößere Stadt war nicht gerne gesehen (er tat es trotzdem) und ein Labor gab es vor Ort auch nicht. Und das waren Krankenhäuser, nicht einmal plattes Land ohne Alles.) Nicht falsch verstehen, ich finde das Landarzt-/Allgemeinarztdasein gut und wichtig, aber ich will mich nicht verarschen lassen. Ich werde lieber meinen Beruf anpassen als aufs Land „auszuwandern“, nur weil man denkt, durch Kassensitzstreichung würde man das Problem schon gezwungenermaßen lösen.

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  • Im Prinzip werden doch Kassenärzte überall bestraft, wenn sie das Pech haben a) die „falschen“ (=chronisch kranken) Patienten zu haben und b) diese auch noch menschlich zugewandt (=zeitaufwendig, da Gespräch minimal wenn überhaupt vergütet wird) zu behandeln. Man hat also entweder die Wahl, kosteneffizient zu arbeiten, oder menschlich verantwortungsvoll… ein ethisch-moralisches Dilemma zumindest für diejenigen, die wirklich um des Arztsein-Willens und nicht aus monetären Interessen diesen Beruf gewählt haben. Die angestellten Krankenhausärzte sind aus ganz anderen Gründen letztendlich genauso arm dran, z.T. werden von findigen Vertretern und Chefärzten ganze Antibiotikareihen umgestellt auf überteuerte neue Produkte, deren Effizienz den alten nicht überlegen ist, da werden Knie nach Quote operiert und fehlende Stellen durch Druck innerhalb des Teams weggemogelt („Wenn Sie den Dienst nicht übernehmen, muß Ihr Kollege Herr XY den vierten hintereinander…“). Findige, meist erfahrene Fachärzte weichen oft in die freiberufliche honorarärztliche Tätigkeit aus und können, wenn schon nicht der mangelnden Wertschätzung, zumindest der z.T. fiesen Hierarchie entgehen. Studenten kennen natürlich das alte System nicht mehr und denken, „das muss so“, bis sie irgendwann als Assistenzarzt mit Burn-out enden. Das System krankt, wie schon von Anita erwähnt, ungemein, aber gebastelt wird meiner Meinung nach an den falschen Stellen. Auch der dritte Modell-Reformstudiengang wird nichts bringen, wenn die fertigen Ärzte keine echte Perspektive haben. Man muß den Beruf lieben, um ihn gut auszuüben, aber es werden einem unglaublich viele unnötige Steine in den Weg gelegt. Einfach nur Arzt sein und behandeln können, wie es richtig ist – wo ist das heute in Deutschland noch möglich? Außer in glücklichen Ausnahmefällen.

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  • Hmm also ich erinnere mich da an meinen Versuch im Frühjahr 2014 einen Facharzttermin zu bekommen, akutes Problem (Knoten in Brust ertastet). Terminangebot im November!!! Weil ich die Aussicht auf ein private Krankenversicherung hatte, fragte ich nach der Wartezeit für Privatpatienten: noch diesen Monat einen Termin. Allein wegen Unterversorgung kann sowas wohl nicht kommen.

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    • Doch. Weil zur Unterversorgung noch dazu kommt, dass wir GKV-Patienten, die über den Zahlen des Vorjahres liegen, nicht oder nur teilweise vergütet bekommen.
      Verständlicherweise verschieben daher viele Ärzte die GKV-Patienten.

      Für Private gibt es diese „Deckelung“ nicht.

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