Kinder sind nicht wirtschaftlich optimierbar

Ich bin nun wahrlich kein Fan des Deutschen Ärzteblattes, alleine das Selbstverständnis geht mir auf den Zeiger, dieses Blatt als meistgelesene Lektüre der Ärzte auszugeben, dabei ist es als Mitteilungsblatt der Ärztekammer ein Zwangs-Abo und nicht kündbar. Ich überfliege das Wochenpamphlet großzügig und lese mich seltenst bei einzelnen Artikeln fest, höchstens, wenn es um Kinder, Pädiatrie oder einzelne Fortbildungen geht.

Dennoch war in der letzten Woche ein hochinteressantes Statement zu lesen, rund um Kinderkliniken, deren Erhaltung und Finanzierung für die Zukunft.

Wichtigste Argumente:
– Die zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitsbetriebes trifft Kinderkliniken in besonderem Maße, da die Behandlung der kleinen Patienten nicht unmittelbar planbar ist.
– Kinderkliniken sind strukturell benachteiligt durch die Zunahme chronischer Erkrankungen, neuer Morbiditäten, vermehrter Präventionsarbeit, sowie wachsendem Anteil seltener Erkrankungen
– Hohe Notfallquoten und kaum zuverlässig planbare Leistungen verursachen hohe Vorhaltekosten.
– Hohe Personalkosten entstehen durch Fluktuationen bei nicht zufriedenstellenden Arbeitsbedingungen.
– Strukturelle Ungleichgewichte (mehr Neonatologie, da gewinnbringend, wenig „normale“ Abteilungen)
– Es gibt fehlende und vor allem unterbewertete DRGs (Fallpauschalen der stationären Versorgung).
usw.

Folgen sind:
– Zeitmangel, Bettenmangel
– Versorgungsengpässe und Ablehnung stationärer Aufenthalte
– Versorgung durch fachfremdes Personal
– Defizite in der leitliniengerechten, alters- und entwicklungsgerechten Versorgung

Die besondere Vulnaribilität der Kinderversorgung wird herausgestellt, ein lesenswerter Artikel, der auch eine Warnung für die Zukunft sendet: „Die Chancen, die in dem einzigartigen und prägenden Zeitfenster des Kindesalters liegen, lassen sich nur effektiv und nachhaltig nutzen, wenn eine die Familie einbeziehende Gesundheitsversorgung und -förderung nach aktuellen und wissenschaftlich begründeten Qualitätsstandards gewährleistet ist. Die Motivation zur Anpassung der ordnungspolitischen Rahmenbedingungen sollte die Gesundheit und das Wohlergehen von Kindern sein. Faktisch ausschlaggebender dürfte in einem ökonomisierten Gesundheitssystem die Aussicht sein, dass sich eine Förderung der Kindergesundheit auch langfristig ökonomisch „auszahlt“.“

Lasst mich anschließen:
In der niedergelassenen Pädiatrie sieht es kaum anders aus. Bereits jetzt fehlt es in vielen Gebieten der Republik an kinderärztlichem Nachwuchs, KollegInnen an der Altersgrenze finden keine Nachfolger. Wenn es überhaupt Fachärzte gibt, die in der Versorgungsmedizin tätig werden wollen, so scheuen diese die Übernahme einer Praxis, sondern lassen sich am liebsten anstellen, um das unternehmerische Risiko zu meiden.

Folgen der Ökonomisierung, Kompletter Artikel im Ärzteblatt
Dtsch Arztebl 2018; 115 (9): A 382–6.

11 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Stefanie R.
    Mrz 12, 2018 @ 22:24:06

    Da kann man nur zustimmen!

    Als Anmerkung: es ist immerhin möglich, die Druckversion des Ärzteblattes abzubestellen. Man kann ja ggf online nachlesen.

    Antwort

  2. Maria
    Mrz 17, 2018 @ 08:30:56

    Ich war schon wieder so wütend, als ich das gelesen habe.
    Ich versuche seit meinen Abschluss 2011 eine Stelle für Pädiatrie zu bekommen. Zugegebenermaßen regional gebunden und zwischendrin 2Jahre Elternzeit (allerdings sind 3 Kinderkliniken und 1Uniklinik in der näheren Umgebung). Deshalb habe ich damals KJP begonnen. Jetzt nach einem Jahr Suche und Bewerbungen auf alle Assistenzarztstellen in der Umgebung (Kliniken und Praxen) habe ich eine in einer Praxis (Teilzeit) gefunden.
    Mich regt es auf, von Ärztemangel zu hören. Das ist ein hausgemachtes Problem. Ich denke min. 90% der “neuen Generation von Ärzten“ wollen nicht das große Geld machen und einfach medizinisch tätig sein. Allerdings wollen sie auch ihr Privatleben neben der Arbeit erhalten und zB wie in meinem Fall Kinder bekommen bevor man 35Jahre alt ist… und das schließt meist einen fertigen Facharzt aus. Und somit war ich absolut uninteressant für den Stellenmarkt. Standartsatz “es liegt nicht an ihnen, sie würden super in das Team passen“. In einem Fall wurde ich von Kollegen verabschiedet mit den Worten, wir sehen uns in Ca 4Wochen.
    Ich bin noch immer so gefrustet. Ich habe mich auch in andere Fachrichtungen beworben, teilweise keine Antworten erhalten oder eben wegen Teilzeitwunsch bei Kleinkind und reisenden Ehemann Absagen im Gespräch bekommen (mit oben genannten Satz) und das in einer Klinik die für ihre Familienfreundlichkeit ausgezeichnet wurde…

    Ich weiß nicht, wann endlich ankommt, dass Frauen Medizin studieren, aber diese auch Kinder bekommen und meist auch den Hauptteil der Erziehung übernehmen. Das ambulante Setting ist dafür natürlich besser geeignet, vorher muss man aber an eine unbefristete Stelle in einer Klinik kommen. Ich weiß nicht wie das andere machen, ich hatte jetzt bei meiner 3. Anstellung noch nicht das Glück 😦

    Antwort

    • Sarah
      Mrz 17, 2018 @ 09:01:50

      @Maria: Mir geht es ganz ähnlich. Mit zwei Kindern und dem Wunsch auf eine Teilzeitstelle scheint die Bewerbung direkt aussortiert zu werden. Ich hatte auch das Glück einen Teil der Weiterbildung in einer Praxis machen zu können. Leider ist das ja nur eine begrenzte Zeit möglich. Ich muss auf jeden Fall nochmal in die Klinik bevor ich irgendwann einmal meine Facharztprüfung ablegen kann. Ich habe mir auch schon überlegt KJP zur Überbrückung zu machen – wäre aber nur die Notlösung. Hab leider erst die Hälfte der Facharztweiterbildung Pädiatrie absolviert, d.h. in Teilzeit (50%) muss ich noch 5 Jahre……..

      Antwort

      • Schlappohr
        Mrz 17, 2018 @ 20:47:51

        Halbe Stelle für die Weiterbildung zum FA Pädiatrie gesucht? Hier ist eine Praxis mit 2jähriger Weiterbildungsermächtigung und dringendem Bedarf!
        Wir finden niemanden und die Stelle verfällt im Juni. Unser Problem: Wir sind in der Provinz (Märkischer Kreis). Da hilft bisher auch die zeitliche Flexibilität unsererseits nicht.
        Also ruhig nicht nur die Krankenhäuser, sondern auch alle Niedergelassenen in der Umgebung abklappern – wir sind nicht allein mit diesem Dilemma (viel zu viele Patienten für einen Arzt, aber weiterer Arztsitz im Ort wird wegen Nichtbesetzung demnächst verfallen).

        Antwort

        • kinderdok
          Mrz 17, 2018 @ 22:35:29

          Hier übrigens auch 🙂

        • Maria
          Mrz 19, 2018 @ 13:36:03

          Vielen lieben Dank!
          Ich bin gerade versorgt,aber es hat wie gesagt 1Jahr gedauert. Und auf viele Bewerbungen kam überhaupt keine Antwort zurück, auch auf Nachfrage! Ich bitte einfach Müttern gegenüber offen zu sein, mein Kleiner hatte das 2.Mal Scharlach und trotzdem habe ich nicht gefehlt auf Arbeit. Die Großmütter springen zum Glück gerne Vormittags ein 🙂

        • Fine
          Mrz 19, 2018 @ 19:11:12

          Du bist Mutter, ich nehme mal an gerne und gewollt. So schön es ist, dass Großmütter einspringen, manchmal brauchen und wollen kranke Kinder einfach die Mama. Und dann ist das eben so. Du musst dich damit nicht verstecken oder entschuldigen.

    • kinderdok
      Mrz 17, 2018 @ 17:05:23

      Meld Dich per PM, hier gibts eine Stelle

      Antwort

    • Beate
      Mrz 18, 2018 @ 14:12:44

      Danke für deine Offenheit. Hausgemachtes Problem trifft es glaube ich sehr gut. Viel Erfolg für die weitere Stellensuche.

      Antwort

    • Beate
      Mrz 18, 2018 @ 14:12:44

      Danke für deine Offenheit. Hausgemachtes Problem trifft es glaube ich sehr gut. Viel Erfolg für die weitere Stellensuche.

      Antwort

  3. Anonymous
    Mrz 23, 2018 @ 18:01:02

    Was bedeutet die Stelle verfällt?

    wenn sie nicht (zeitnah) wieder besetzt wird, dann kann auch in 3 Jahren kein neuer Kinderarzt wieder tätig werden?

    Antwort

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