Mein Corona-Senf VI

Diese Woche kämpfte ich etwas mit mir, ob ich meinen Corona-Senf lieber in der Tube lasse, es passiert in meinem Umfeld einfach zu wenig. Mit Sicherheit geht es mir wie vielen anderen: Irgendwie haben sich alle mit der Situation arrangiert, der Tagesrhythmus hat sich eingespielt, auch ohne große Kontakte zu anderen, es breitet sich ein gewisse Lethargie aus. Da nimmt es nicht Wunder, dass die ersten Exit-Diskussionen lauter werden.

Das war abzusehen: Die Zunahme der Infektionen bremst, in den Kurven wird das Wachstum so zusammengerechnet, dass sie inzwischen die ersehnte Flattened Curve annehmen, das sieht hübsch aus, das weckt Optimismus, das grenzt uns gegen andere Länder ausreichend ab. Ich mag es hier kaum posten, sonst erliegt man zu sehr dem Charme des Nationalen, aber ich bin froh, jetzt gerade in Deutschland zu leben. Klar, Schweden, Neuseeland oder Dänemark ist ganz schön, aber der gemäßigte, konsequente Weg in Deutschland scheint (im Gegensatz zu anderen) einer der besseren zu sein. Warum wir weiterhin mit die geringste Sterberate auf der Welt haben, bleibt ungeklärt, auch wenn so manche Experten Modelle anbieten. Das viele Testen, die gute Versorgung mit Beatmungsplätzen, vielleicht die Mentalität der Deutschen, die sich gerne an Regeln halten und sich durchbeißen möchten, könnten Erklärungen sein. Wie Jan Böhmermann bei „F+F“ vorsichtig andeutete: Den Deutschen liegt die Oma-Regel „Bunkern, Hamstern und den Schimmel wegschneiden“ (so hat er es nicht gesagt, das ist von mir, aber so ähnlich).

Trotzdem erliegen wir nicht den Versuchen, per chinesischem Dekret eingesperrt zu sein, unsere Ausgangsbeschränkungen sind im Vergleich zu anderen Ländern moderat, wenn jetzt schon schmerzlich, die Regierung hat imho ausreichend besonnen und rechtzeitig reagiert, ein Negieren der Sachlage à la Trump kann Berlin nicht vorgeworfen werden. Aber was, wenn Frau Merkel im Bundeswahlkampf zur Wiederwahl gesteckt hätte oder der Bundeskanzler hieße Merz? Frau Regierungschefin konnte in ihrer unvergleichlichen Art abwarten, vulgo besonnen reagieren, sie scheint zudem auf ihre Berater zu hören. Andere Regierungschefs haben da sicher Fehler gemacht (Symbollink –>> USA)

Zurück zum Exit: Just heute kam der Bericht der Leopoldina heraus, der ein maßvolles Zurückkehren zum präcoronaren Alltag skizzierte. Auch der liest sich besonnen und weise. Als Mediziner möchte ich eigentlich, dass alles erstmal so bleibt, wie es ist, aber ich kann leicht wünschen: Ich bin Kinderarzt, ich habe Rücklagen, ich habe Kinder, die entweder schon aus der Schule raus sind oder so sehr pubertieren, dass es für sie keinen Unterschied macht, ob sie in die Schule gehen und dort rumhängen oder daheim vor dem PC mit „GTA“ oder „Assasins“, nachdem sie die gestellten Aufgaben digital abgearbeitet haben („kann ich auch noch heute Nacht machen“). Außerdem bin ich sozialmäßig gut vernetzt, habe einen Garten, einen Supermarkt in Laufentfernung, der nie überlaufen war in den letzten drei Wochen. Im Zweifel habe ich sogar ein kleines Gewächshaus.

Also sollen erst einmal Teile der Grundschulen geöffnet werden, vielleicht in kleineren Klassen, vielleicht zeitversetzt, vielleicht mit Mundschutz. Das finden Acht- oder Neunjährige bestimmt lustig. Außerdem die Sekundarstufe, die Abschlussklassen, die Entscheidung muß schnell fallen, denn die Sommerferien beginnen Ende Juni in manchen Bundesländer, das sind gerade mal zwei Monate. Grundsätzlich bin ich jedoch kein Freund von halben Sachen, Teileröffnungen können schnell unfair werden, die einen halten sich dran, die anderen nicht, das eine Kind darf wieder in die Schule, das andere nicht, für die Familie und die Betreuung ändert sich damit (beinahe) nichts.

Der persönliche Schutz bleibt aber erhalten: Das Abstandhalten, die Handhygiene und – eher neu – die grundsätzliche Empfehlung des Tragens eines Mundschutzes (zum Schutz der anderen!, falls es jemand noch nicht verstanden hat), vor allem dann, wenn die Abstände nicht eingehalten werden können. Also im Supermarkt, also im ÖPNV. Die Tochter, die über Ostern aus der grossen Unistadt angereist war, um die Alten zu besuchen („Keine Reisen über Ostern…!“ = Hin- und Rückreise im PKW), zeigte sich leidlich überrascht, das beim Einkauf im hiesigen Supermarkt gerade mal drei Leute einen MNS trugen, nämlich eine ältere Dame, sie selbst und der Papa. Wir kamen uns reichlich komisch vor, aber vielleicht haben wir hier auf dem Land einen Trend gesettet. Ich werde berichten.

Am meisten fehlen mir persönlich das Kino (dann eben mehr Netflix-Glotzen), Konzerte (dank an 3Sat für die Rockkonzerte im Stream und an Igor Levit) und dass die Buchhandlungen und Bibliotheken alle zu sind (dann eben endlich den SuB abarbeiten, den Kindle reaktivieren und mehr über die Onleihe holen). Falls jemand ein Streamingalternative zum Schlendern durch Buchregale kennt, her damit. Der Garten ist zwischenzeitlich jedenfalls geputzt, ebenso das Hüttchen, die beste Ehefrau von allen hat den Kampf mit dem Löwenzahn noch nicht aufgegeben. Nachdem ich die nahe Urlaubsreise situationsbedingt abblasen musste, beschäftige ich mich nun mit dem Sommerurlaub. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Es ist weiterhin keine Lieferung von Schutzausrüstung durch die Kassenärztliche Vereinigung angekommen. Man beliefere zunächst die Notfallambulanzen, völlig ok, dann die Versorgerpraxen wie Haus- und Kinderärzte. So wurde es bereits vorletzte Woche kommuniziert, Anfang dieser Woche kam die Mail, die Lieferungen haben begonnen. Ich warte geduldig.

Habe ich mal erwähnt, dass ich Grafiken liebe? Hier zwei beeindruckende Illustrationen, plus ein Bonus von @nadrosia zum fantastischen Video von @maithi_nk, das sogar zu einem Kommentar in den Tagesthemen führte.

Tweet: Corona-Tote im Vergleich zu anderen Epidemien
Tweet: Arbeitlosenanträge in den USA in den letzten Jahrzehnten
Tweet: Illustration von Nadine Roßa zum Video von MaiLab
MaiLab: Corona geht gerade erst los, YouTube Video

Bleibt gesund!

(c) Bild bei publicdomainpictures.net/Piotr Siedlecki (CC0 Lizenz) – „Corona“ 😉


37 Gedanken zu “Mein Corona-Senf VI

  1. In dem Gif von Matthias Seifert wird die Anzahl der Toten durch Ebola 2014 auf 467 beziffert. Tatsächlich gab es über 11.000 Tote.

    Die anderen Zahlen hab ich jetzt nicht mehr geprüft… Wäre eine sehr beeindruckende Grafik, sofern sie denn stimmen würde.

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      1. Das ist richtig, aber auch das passt nicht so ganz… ich habe jetzt offen gestanden nur bei Wikipedia geguckt und will hier auch gar kein Fass aufmachen – die Darstellung ist beeindruckend und die Mühe dahinter ein Lob wert! Ich sehe nur, dass bei Ebola 2014 sowohl in Liberia, Guninea als auch Sierra Leone in der Zeit von Juli bis Oktober (ca. 100 Tage eben) JEWEILS ein Anstieg auf über 500 – 1000 Fälle dokumentiert ist. Mir kam die Zahl halt direkt verdächtig „niedrig“ vor, auch für die ersten 100 Tage schon.

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    1. Die Grafik finde ich auch problematisch. Denn die Umstände sind einfach völlig anders. Hätte sich Ebola ähnlich wie Sars-Cov-2 über den Planeten verbreitet, hätten wir vermutlich andere Zahlen gehabt.
      Was ich hingegen sehr beeindruckend finde, sind die Arbeitslosenzahlen in den USA. Denn sie zeigen, welche Konsequenzen nicht-medizinischer Natur so eine Pandemie und ihre politischen/wirtschaftlichen Folgen (ohne hier eine Abwägung aufmachen zu wollen) haben.

      Für mich als jungen Menschen, der nicht weiß, wie es um die eigene Arbeit in den kommenden ein bis zwei Jahren (und darüber hinaus) bestellt ist, ist das mindestens genauso Angst einflößend wie das Virus selbst.

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    2. Ich finde den Beitrag von Seifert zwar spannend und gut gemacht, aber im Header steht bereits das, was nahezu alle verwirren wird bzw. alle überlesen:
      „im Vergleich zu anderen Epidemien“ und Corona ist eben KEINE Epidemie. Sie wird auch im GIF erst so richtig eindrücklich, als sie zur PANDEMIE wird. Pandemien sind nur mit Pandemien vergleichbar, hätte man exakte Zahlen von der Spanischen Grippe und nicht nur Schätzungen, dann wäre hier ein Verlgeich – wenngleich durch den zeitlichen Faktor eines Jahrhunderts und eine bekanntermaßen 3-fache Welle verzerrt – noch okay.
      Außerdem werden hier völlig unterschiedliche Risikogruppen und Verläufe verglichen (z.B. altersmäßig Masern und Corona – am einen und am anderen Ende der Fahnenstange sozusagen… oder umstandsbedingt bei Cholera und Corona – „Schwellenland“erkrankung versus Erkrankung in (überalteten aber gut situierten) Industrieländern, realtiv kurze versus lange Inkubationszeiten etc…):

      Ich frage mich, ob solche GIFs uns nicht mehr schaden als nutzen bei der geforderten sachlichen Information. Meinen Studentinnen hätte ich eine solche Grafik ersatzlos gestrichen, weil fast keine Bias ausgelassen wird….
      Grüße aus der Pflegewissenschaft!
      Anna

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    3. Ebola begann allerdings auch schon Anfang 2014, die ersten Monate war es hier allerdings kaum in den Medien, soweit ich mich erinnern kann..
      Aber aufgrund der schlechten Gesundheitsinfrastruktur in den betreffenden Ländern geht man eh von einer hohen Dunkelziffer aus.

      Hätte Ebola sich so weit verbreitet wie momentan Corona, dann wäre das natürlich absolut kein Vergleich aufgrund der deutlich höheren Sterberaten bei Ebola..

      Was Corona so gefährlich macht ist, dass es sich so schnell verbreitet und dass vermutlich noch niemand immun ist.

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  2. Fände eine Grafik welche die Corona Toten mal vergleicht mit den Toten aller anderen Viren und Bakterieninfektionen. Da ständen sie auf jeden Fall noch weit weit hinter den jährlichen Zahlen der Tuberkulose. Eine der weltweit tödlichsten Erkrankung überhaupt. Täglich sterben etwa circa 4000 Menschen! Interessiert nur niemanden, weil es seltenst die Industriestaaten betrifft!!! Impfstoffe gibt es auf jeden Fall, ich wurde vor 25 Jahren geimpft!!!

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    1. Das ist alles richtig, aber es geht bei SARS-CoV-2 NICHTprimär um die Gesamtzahl der Toten. Es geht darum, dass man verhindern muss, dass zu viele Menschen zeitgleich infiziert werden und die Kliniken mit beatmungspflichtigen Patienten überrannt werden.
      Jede (vermeidbare) Epidemie ist schlimm und man darf niemals aufhören, dagegen zu arbeiten. Aber die Vergleiche sind derzeit einfach Äpfel und Birnen…

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      1. Wieso macht dann niemand was gegen die Tuberkulose Toten. Die sterben in Afrika, Südamerika, etc wohl auch nicht menschenwürdig nach ausreichender medizinischer Behandlung im Krankenhaus. Und das obwohl Impfstoffe vorhanden sind!!!

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        1. Es wird schon etwas getan, aber die Problematiken in den betroffenen Ländern bringen es leider mit sich, dass die Möglichkeiten nicht ausgeschöpft werden, die existieren. Das ist ein riesen Thema und viel zu komplex für eine Diskussion hier in so einem Forum…

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      2. Das ist richtig. Nur: viele Menschen haben das schon wieder vergessen und sehen nur noch die Gefahr durch das Virus selbst. In einigen Bundesländern nimmt das in meinen Augen gerade zu groteske Ausmaße an. Und es sorgt dafür, dass es Menschen gibt, die glauben, eine Lockerung käme erst in Frage, wenn der Impfstoff da oder die Neuinfiziertenzahl bei 0 liegt. Nur: Das können wir uns psychisch, physische, wirtschaftlich und – betrachtet man, dass es jetzt schon Notaufnahmen gibt, die dringend dazu aufrufen, doch bitte nicht zu Hause zu bleiben, wenn eine ernsthafte Erkrankung (Schlaganfall/Herzinfarkt) vorliegt – medizinisch nicht leisten.

        Regional agieren dürfte langfristig die Devise sein.

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  3. Ich verstehe die Empfehlung, Grundschulen als 1. zu öffnen wirklich nicht. Wie sollen die Kinder Abstand halten, wenn sie nicht mal wissen, was 2 Meter sind und nicht schaffen, die Hände vorm Gesicht zu lassen? Da wird mit der Maske nur rumgespielt. Dann kommt noch in der Großstadt der Schulweg mit ÖVM on Top. Überfüllten U-Bahnen bei uns. In unserer Schule sind zu fast 50% auch Großeltern, die die Kinder abholen.

    So wie Sie sagen: Seuchenverbreitung schlecht hin. Dann werden die Schulen sicherlich andauern von einen Tag auf den anderen geschlossen bleiben, weil Infektionsfälle bekannt werden. Kinder müssen unter Quarantäne, Kind oder Familienmitglieder sind krank usw.

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  4. Was mich wirklich traurig macht , dass ich nicht mal auf diesem Blog ein Wort dazu lese, was denn die ganzen Lockdown Maßnahmen mit den Kindern machen… Mein Sohn hat nachts Alpträume und erzählt mir, er habe geträumt, dass er nicht mehr in unsere Wohnung hineinkommt, weil sie abgesperrt wurde von den Polizisten, wie der Spielplatz.

    Könnte es nicht vielleicht sein, dass die Leopoldina auch das Kindeswohl im Blick hat? Bildung ist wichtig für Kinder. Schule ein elementare Stück Normalität für eine Gruppe, die mit Abstand das geringste Risiko hat, das Gesundheitssystem direkt (!) selbst zu belasten. Wollen wir die Kinder allen Ernstes ein Jahr zuhause lassen, ohne Umgang mit anderen Kindern , ohne Spielplätze? Jede Krise bedeutet ein Abwägen von Rechtsgütern, weil nicht alle Rechtsgüter gleich geschützt werden können. Aber wenn wir schon darüber reden, wie toll es gerade in Deutschland sei, dann sollten wir auch so ehrlich sein, offen zuzugeben, dass wir die Interessen und Bedürfnisse der Kinder gerade ebenso hinten anstellen, wie die Interessen und Bedürfnisse der alten Menschen, die in ihren Pflegeheimen isoliert sind. Ich würde niemals behaupten, dass die Virologen und Epidemologen zu einem anderen Ergebnis kämen, aber so viel Differenziertheit sollte uns die Debatte doch wert sein, dass man auch die negativen Folgen benennt.

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      1. Lieber kinderdok, ich weiß, was Sie Zahrah mit Ihrer Antwort sagen wollen. Sie haben das Anliegen von Zahrah auch schon tatsächlich ein paar mal behandelt, sogar noch als das noch nirgendwo einer auch nur angedacht hat. Aber, ich verstehe Zahrah auch.

        Das Thema, was der Lockdown oder auch „die moderate Ausgangssperre“ mit unseren Kindern macht, finde ich, kommt in der medialen Berichterstattung so gut wie gar nicht vor und auch hier, finde ich persönlich zumindest, kommt es auch ein wenig kurz.

        Vielleicht sehe ich das aber auch anders, weil ich keine pubertierenden Kinder oder Kinder im Erwachsenenalter habe, sondern einen Dreijährigen, der langsam auch in die Lage wie Zahrahs Kind gerät: Alpträume, verstörende Unverständnis, brutale Unausgeglichenheit, ungekannte Traurigkeit. Und ich muss sagen, meine Frau und ich kommen durch die Situation unseres Sohnes und auch durch den Konflikt: Kinderbetreuung full time zuhause versus unsere Arbeitgeber wollen auch im Home Office die übliche Leistung sehen, immer mehr an unsere Grenzen. Wir wechseln uns halbtags ab: Eine Hälfte am Tag arbeitet der eine, die andere Hälfte der andere. Wer nicht arbeitet, „bespaßt“ den Sohn. Natürlich zwischendrin gemeinsame Pausen und Essen. Es geht um 6:30 Uhr los und endet um 19:30 Uhr. Danach ist man platt. Und das nun seit vier Wochen. Keine noch so kleine Entlastung durch Kindergarten, Großeltern, Onkels, Tanten, Nachbarn, andere Eltern, niemanden. Dazu die Aussicht: Spielplätze sind dicht, Freunde nicht erlaubt, Urlaub/Ausflüge gibt’s nicht. Die Umgebung kennt der Junior jetzt zur Genüge und ist kaum noch zu Rad- und Wanderausflügen zu bewegen. Dazu kommen jetzt immer mehr Nächte mit Alpträumen, die Gereiztheit, die Ratlosigkeit, warum der Kindergarten, die Freunde, die Großeltern, die Ausflüge nicht denn endlich wiederkommen.

        Meine Frau und ich sind beruflich und finanziell relativ sicher, daher kommt von uns auch keine besondere negative Stimmung zuhause auf, die offen zutage tritt. Natürlich wird der Sohn bemerken, dass wir aufgerieben zwischen Arbeit und Kinderbetreuung immer mehr wie Zombies reagieren, aber wir lassen ihn so gut es geht die „heile Welt“ spüren, die er kennt und gewohnt ist – natürlich mit kindgerechter Erklärung von Gründen und Ursachen. Wenn man dann aber noch sieht, dass trotz aller intensive Bemühungen, das eigene Kind trotzdem immer mehr unter der Situation leidet, geht einem als Eltern das auch psychisch mit der Zeit brutal nahe. Da spielen die pissigen Arbeitgeber zwar auch eine Rolle in diesem Stück, aber die kann man aushalten. Wenn man sehen muss, wie das sonst so lebenslustige Kind immer mehr unter der Situation leidet, obwohl man alles tut, um Abwechslung, Spiel und Spaß in den Lockdown-Alltag zu bringen, dann sind das Wirkungstreffer vom Feinsten für die eigene Psyche. Daher finde ich auch, dass das, was die aktuellen Regeln und Verbote mit uns und unseren Kindern machen, leider in der Öffentlichkeit und der Diskussion über „Exit“-Schritte viel zu wenig beleuchtet.

        Klar müssen Leben gerettet werden, keine Frage, und ich erwarte auch keinen sofortigen/schnellen Rückgang zum „normalen Leben“, aber wenn ich lese, dass es für uns drei bis September genau so weiter gehen soll, dann ist das ein riesengroßes Problem für uns!

        Das mögen Eltern älterer Kinder mit weniger/kaum Betreuungsbedarf entspannter sehen. Vom „einfachen Leben“ unserer kinderlosen Kollegen will ich gar nicht reden, aber wenn es nach denen ginge, könnte das alles gerne noch Jahre so weiter gehen; natürlich nur solange weiter Geld auf dem eigenen Konto in gewohnter Höhe eingeht…

        Für Eltern der vermeintlichen „Superspreader“ aber, mag die „sicherste“ Lösung der Mediziner und der Leopoldina, die härteste schlechthin sein. Und ich finde, das muss man auch ganz klar mal so festhalten!

        Danke fürs Zuhören 🙂

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    1. Ich denke schon, dass die negativen Folgen der derzeitigen Isolation betrachtet und berücksichtigt werden. Seien sie wirtschaftlicher, sozialer oder emotionaler Natur. Nicht umsonst schlägt der Lehrerverband Alarm, dass benachteiligte Kinder noch mehr benachteiligt werden und dass häusliche Gewalt zunimmt. Es wird auch an verschiedenen Stellen thematisiert, wie schwer es für die Kinder und Eltern ist. Es wird auch thematisiert, wie hart es unsere Wirtschaft trifft und dass es Arbeitgeber gibt, die keine Gehälter mehr zahlen können, Angestellte, die kein Geld bekommen… die negativen Folgen sind immens und vielschichtig! Darum gibt es ja auch verschiedene exit-Strategien und -Wünsche.

      Nur: niemand sollte vergessen warum wir das tun.

      Nein, wir tun es nicht um Alte und Risikogruppen zu schützen!

      wir wollen schützen:
      Eltern, die Bluthochdruck haben
      der Nachbar, der raucht
      der Freund in der Kita, der schon eine Krebsbehandlung überstanden hat
      die Oma
      der Freund der Diabetes hat
      der Kollege mit der Niereninssufizienz

      Nur weil jemand eine chronische Erkrankung hat, heißt das ja nicht, dass er nicht auch leben will und noch einige gute Jahre vor sich haben würde.

      Wir wollen auch schützen:
      den Kollegen, der einen Herzinfarkt bekommt
      die beste Freundin mit einem Schlaganfall
      die Jugendliche, welche einen Verkehrsunfall mit dem Fahrrad hatte
      das Kind, welches vom Klettergerüst gefallen ist

      Warum diese letztere Gruppe? Wenn die erste Gruppe die Krankenhäuser belegt, fehlen die Kapazitäten um die zweite Gruppe zu behandeln! Dann sterben Andere an Dingen, die sonst behandelbar wären

      Ich möchte nicht in den Schuhen unserer Entscheider laufen! Wie man entscheidet, könnte es falsch sein. Öffnen wir die Kitas und Schulen – kommt dann die zweite Welle und dann richtig oder geht alles gut und wir können zur Normalität zurück? Oder bekommen wir einen zweiten (und dann heftigeren) Lockdown?
      Bleiben wir bei den Beschränkungen – was passiert mit den Kindern? Wieviel werden geprügelt? Was verpassen sie in der Schule? Wieviele Betriebe werden in die Insolvenz getrieben?

      Es ist und bleibt schwierig – und dass für alle!
      Die Politiker im Großen und die Familien im Kleinen.

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      1. Nur: Wir müssen dazu nicht alle im Haus einsperren. Das ist den langfristigen Preis nicht wert. Denn wenn wir uns jetzt traumatisierte Kinder heranzüchte, dann bezahlen diese und wir als Gesellschaft in 10 oder 20 Jahren den Preis dafür. Und ich weiß wovon ich spreche. Eine überhastete Aussage meines Vaters am anlässlich 9/11 hat mir Jahre später jahrelange Therapie eingegebracht. Ich möchte nicht wissen, wie das bei Kindern aussieht, die jetzt wochenlang mit Albträumen kämpfen, die keine Entlastung finden und auch Eltern treffen, die auf dem Zahnfleisch gehen.

        Wir müssen daher weiter daran arbeiten, die Krankenhaus- und Intensivbetten aufzustocken, wir müssen genügend Schutzkleidung heranschaffen und gerade in den sensiblen Bereichen (Krankenhäuser, Pflegedienste, Altenheime, später Schulen und Kitas) mehr testen. Was wir nicht machen können: Kinder noch länger einsperren.

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        1. Vor allem sollte auf jeden Fall regional unterschiedlich weiter entschieden werden! Hier bei uns in der Ecke sind die Krankenhäuser vorbereitet. Op‘ S sind verschoben/ abgesagt. Wahrscheinlich fehlt nur noch ausreichend Schutzkleidung. Pflegepersonal baut Überstunden ab/macht Minusstunden, die ersten Kliniken stehen vor der Kurzarbeit! Sollten die Maßnahmen nicht die Überlastung des Gesundheitswesens verhindern? Also hier im Kreis und darüber hinaus ist selbst das jetzt soweit runter gefahren, dass auch dort wirtschaftliche Schäden nicht mehr ausgeschlossen werden können.
          Ich habe eher das Gefühl die Regierung meint jetzt jedes einzelne Leben dass durch Covid 19 bedroht zu sein, retten zu wollen! Das machen sie bei anderen Krankheiten aber auch nicht und das kann auch keiner! Weder Ärzte sind Götter in weiß noch die Regierung!

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        2. Wer wird denn eingesperrt? Natürlich gibt es Kinder, die zu Hause schlecht behandelt werden. Für die ist diese Situation eine Katastrophe. Aber für alle halbwegs „normalen“ Familien sind hier einfach mal kreative Lösungen gefragt und weniger Gejammer. Und ja, ich weiß wovon ich rede, meine Kinder sind 1 und 4, mein Mann arbeitet täglich 10h im Home Office (ist somit nicht verfügbar) und ich arbeite täglich 4h wenn die Kinder mittags schlafen/ruhen oder abends. Ich finde die Lage grauenvoll, aber notwendig. Es gibt bisher weder genug (zuverlässige) Tests oder Mundschutz für alle!
          Weder meine Kinder, noch die von Freunden und Familie sind hier irgendwie „traumatisiert“, höchstens unterfordert oder mal gelangweilt und das überleben die schon ohne Spätfolgen. Die „Großen“ (ab 4 aufwärts) vermissen ihre Freunde, aber haben genug Verstand um grob zu kapieren dass und warum es gerade nicht so läuft wie gewohnt.
          Es gibt Bücher, Spaziergänge, Malen, Puzzeln und notfalls auch mal den Fernseher. Mit der Großen übe ich derzeit Buchstaben malen, der Kleine lernt durch das normale Leben genug.

          Wir haben alle ein Dach über den Kopf, Strom, Heizung, Essen, Internet, etc.

          Wer unter diesen Umständen „traumatisiert“ wird, hat sein Leben wohl in einer Packung Watte verbracht.

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        3. Auch jetzt schon ist es kein Einsperren zu Hause. Wir haben eine Kontaktsperre – keine Ausgangssperre.
          Ob nun wirklich der Spielplatz geschlossen sein muss – mag dahin gestellt sein. Jedoch habe ich hier bei uns nach Schulschließung gesehen was passierte: das Wetter war toll, sehr viele Leute waren auf den Straßen, haben sich getroffen, gequatscht, ein Bierchen getrunken, …. in den darauf folgenden 2 Wochen gab es entsprechend in unserer Stadt heftige Zuwächse bei den Erkrankungen.

          Aber Kitas und Schulen verbreiten jegliche Krankheitserreger wunderschön weiter. Hat es ein (symptomloses) Kind, bekommen es gleich mehrere in der Gruppe/ Klasse und geben es weiter. Und dass fällt erst auf, wenn dann ein Erwachsener mit Symptomen kommt – im Idealfall nach wenigen Tagen, wenn man Pech hat nach 2 Wochen.

          Auch bei meinen Kindern ist Corona das beherrschende Thema. Da sie bereits im Schulalter sind natürlich auf einer anderen Ebene als bei einem Kindergartenkind. Bei uns hängt der pflegebedürftige Opa dran und da stellen sich die Kinder schon die Frage, was passiert, wenn sie mich anstecken und ich dann den Opa. Da kommen dann Fragen auf wie „Wäre ich schuld, wenn der Opa stirbt?“ Sie mögen zwar alt genug sein, um den Sinn der Maßnahmen zu verstehen – leichter werden die Fragen aber auch nicht.

          Auch eine Kontrolle von Pflegepersonen in Heimen ist schwierig. Viele der Pflegerinnen haben Kinder und können sich bei ihnen anstecken. Ehe man überhaupt merkt, dass sie erkrankt sind, haben sie die Hälfte der ihnen anvertrauten Personen angesteckt. Selbst ein täglicher Test jeder einzelnen Pflegekraft würde kaum etwas helfen.

          Auch ein Aufstocken der Intensivbetten ist
          a) nicht unbegrenzt möglich (und die Frage ist, wieviel ist genug? Wir haben jetzt knapp 30.000 Betten. Reichen 40.000? Oder 60.000? Wo stellen wir sie hin? WElches Personal betreut die Personen?) und
          b) kein Allheilmittel, denn die Sterblichkeit ist trotz Intensivmedizinischer Betreuung erschreckend hoch. Derzeit wird die Sterblichkeit bei beatmeten Corona-Patienten mit 80% angegeben.

          Schutzkleidung wäre eine wichtige Maßnahme. Masken für alle. Aber wenn ich mir mein Grundschulkind anschaue, bin ich mir nicht sicher, ob das konsequente Tragen einer Maske was werden wird.

          Keiner weiß, was richtig ist. Es ist für uns alle die erste Pandemie. Es wurden Fehler gemacht, aber es wurden auch viele Dinge richtig gemacht.

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  5. Wir hier auf der Nordhalbkugel könnten selbst im schlimmsten aller Fälle ( ungehinderte Ausbreitung) wahrscheinlich noch locker darüber lachen und spätestens nach einem halben Jahr zur Tagesordnung übergehen, aber wie die Geschichte auf der Südhalbkugel ausgehen wird, ist eine ganz andere Frage. Eventuell sollten wir hier als Normalbürger gar keine Masken tragen, sondern die Dinger schnellstmöglich als Hilfslieferungen Richtung Süden bewegen.

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    1. Ein sehr wichtiger Punkt. Und eine absehbare Katastrophe ohnegleichen. Es bleibt zu befürchten, dass das weniger in dem Medien kommuniziert wird als die Toten in New York oder die regelmäßigen meltdowns des amerikanischen Präsidenten.

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      1. Genau diese Sorge habe ich auch. Entwicklungsländer brauchen ggf. Schutzausrüstungen für medizinisches Personal. Einen MNS nähen können die Menschen selbst, und man muss ihnen nicht alles aus der Hand nehmen.

        Die gesundheitspolitischen und hygienischen Rahmenbedingungen sind je nach Land und vor allem sozialem Status sehr unterschiedlich, aber wo sich hundert Menschen einen Wasserhahn teilen, sechs Menschen in einem Raum leben und das Geld grad noch bis übermorgen reicht, wo Busse nicht voll sind, sondern vollgestopft bis auf den letzten Zentimeter, da nützt auch kein MNS mehr etwas.
        Hinzu kommen vielerorts unfähige, korrupte Regierungen und Verwaltungen, sowie ggf. Verschwörungstheorien und andere Desinformationen.

        Ich frage mich, ob hier noch die ganz große Katastrophe ansteht, und ob die offiziellen Infektionszahlen überhaupt etwas aussagen.

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    2. Genau so traurig wie die Tatsache dass jährlich ca 1,5 Mio Menschen an Tuberkulose sterben trotz vorhandenem Impfstoff! Nur das interessiert die Industriestaaten bisher kaum und genau so wird es an uns vorbei gehen dass Covid 19 noch dazu kommt für die Entwicklungsländer.

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  6. Skoobe bietet eine große Auswahl Bücher zum kleinen Streamingpreis. Nutze das selbst und bin zufrieden. Ein wenig viel Frauenbücher aber ok.

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  7. Ich habe den Verdacht das die Mitarbeitenden der Leopoldina die Schulen wieder geöffnet haben möchten weil sie ihren Nachwuchs nicht mehr Rund um die Uhr ertragen können,etwas anderes kann ich mir einfach nicht vorstellen oder die haben alle Keine Kinder und sie Wissen daher nicht wie Kinder so Ticken.Mindestabstand,Hygienemaßnahmen,kleine Klassen,wie Bitte schön soll das in einer Grundschule funktionieren??Abgesehen davon das in etlichen Grundschulen das Personal kurz vor der Rente steht und damit zur s.g. Risikogruppe gehört.
    Mir ist bekannt das es nicht ewig so weiter gehen kann aber ich Persönlich finde eine Lockerung der derzeitigen Maßnahmen zum jetzigen Zeitpunkt einfach verfrüht

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    1. Ich fühle mich mal kurz angesprochen: Meinen Nachwuchs ertrage ich gerne und auch liebend gerne rund um die Uhr. Aber zusätzlich noch arbeiten zu müssen, wie MIT Kinderbetreuung UND mit der Aussicht, dass Spielplätze, Freunde, Großeltern, Ausflüge, Museen, Theater, Urlaub alles verboten ist, das geht allen Beteiligten an die Nieren. Und nicht nur den Eltern, die vermeintlich den eigenen „Nachwuchs nicht mehr ertragen“ können/wollen!

      Ich verstehe Ihre Bedenken, aber alle bis zum flächendeckenden Impfstoff (Impfpflicht anyone? 😉 ) wegsperren, ist nur theoretisch eine gute Lösung.

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  8. @Firena: Schön, dass es bei Ihnen funktioniert, aber können wir bitte mal damit aufhören, Eltern anzugreifen, bei denen es aus irgendwelchen Gründen nicht so super läuft? Und nein, meine Kinder sind wahrlich bisher nicht in Watte gepackt worden. Aber von einem Mittagsschlaf der Kinder kann ich hier zum Beispiel nur träumen. Und viele andere auch. Und nein, ich habe kein Problem damit 24/7 für meine Kinder da zu sein. Aber ich habe zwei davon mit völlig unterschiedlichen Bedürfnissen. Und einer davon leidet mittlerweile so sehr, dass wir uns professionelle Hilfe zumindest telefonisch gesucht haben. Er will zu den heißgeliebten Großeltern, er will nicht mit Mama/Papa/Geschwisterkind spielen, sondern mit seinen gleichaltrigen Freunden und Freundinnen im Kindergarten. Er ist mit 6 Jahren alt genug, um zu wissen, was er alles nicht darf, aber nicht alt genug, um es wirklich zu verstehen. Und natürlich habe ich auch versucht, ihn Vorschul-Sachen machen zu lassen, während ich gleichzeitig Homeschooling mit dem älteren Geschwisterkind gemacht habe (nein, Grundschulkinder arbeiten nicht komplett selbstständig) und eigentlich auch noch Homeoffice hätte machen sollen…
    Mein Kind leidet massiv unter Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen und ich bin mir keinesfalls sicher, dass das alles einfach so vorbei ist, wenn wieder mehr Normalität für ihn einkehrt.

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    1. Danke für Deinen Kommentar, aucheinemama!

      Ich muss ganz ehrlich sagen, Beiträge wie der von Firena machen mir ein wirklich schlechtes Gewissen, denn es unterstellt doch immer, man habe bei der Erziehung der eigenen Kinder versagt oder sei kein guter Elternteil, weil es halt nicht so „nice and easy“ läuft wie bei den gesegneten Eltern, die ihr Vorzeigeleben gerne öffentlich zur Schau stellen als wäre es für jeden genauso leicht machbar. Ich sage damit ausdrücklich nicht, dass ich diese Geschichten nicht glaube, aber es hilft mir persönlich keinen Deut weiter zu wissen, dass andere scheinbar Kinderbetreuung und Job/Home Office ohne Probleme bewältigen können, und dabei an Kind und Eltern keinerlei „Abnutzungserscheinungen“ auftreten.

      Ich ziehe mich in solchen Fällen gerne auf das alte Motto „Jedes Kind ist anders“ zurück, aber gerade in schwierigen Zeiten wie momentan, bleibt ein (größerer) Restzweifel übrig, der weder dem Kind noch den Eltern weiterhilft. Denn ich muss ganz ehrlich sagen, ich weiß wirklich nicht, an welchen Stellschrauben man noch drehen soll, damit alles für Kind und Eltern „leichter“ wird. Um Zeit zu sparen, könnte man vielleicht täglich beim Lieferdienst ordern, aber ist gemeinsames Kochen nicht deutlich sinnstiftender? Man könnte natürlich auch auf (noch mehr) Schlaf verzichten und anstatt dessen (noch mehr) im Home Office arbeiten, aber ist Regeneration nicht deutlich besser als noch zwei Stunden mehr vor der Kiste zu hocken, in der man eh kein Stück konzentrierter vorwärtskommt?
      Und wenn das eigene Kind Sehnsucht nach Freunden, Großeltern, Onkels und Tanten hat, hat man dann als Eltern versagt oder bei der Erziehung etwas falsch gemacht?

      Viel eher würde mich aber noch interessieren, was das für ein Job von Firenas Mann ist, der im Home Office ganze zehn Stunden in Anspruch nimmt?

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      1. Er ist Informatiker und die Firma kämpft darum, bei der nachlassenden Auftragslage über die Runden zu kommen. Von seinem Team mussten über 50% der Leute Corona-bedingt Stunden reduzieren und da er die Teamleitung hat, muss er es auffangen.
        Vermutlich wird das irgendwann wieder besser, aber momentan arbeitet er tatsächlich jeden Tag so viel.

        Und nein, niemand hat in der Erziehung versagt. Was glaubst du, was hier alles schief läuft! Aber mir geht es darum (habe ich in dem anderen Beitrag weiter unten ausführlicher erklärt), die eigene Situation auch mal etwas anders einzuordnen. Meine große Tochter ist genauso traurig und wütend und frustriert und hier wird viel geheult und gebrüllt, aber ich halte sie nicht für „traumatisiert“ und kenne auch keine andere Familie hier im Umkreis die das von sich behaupten würde…

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    2. Tatsächlich wollte ich keine anderen Eltern direkt kritisieren, sondern eher eine derzeit überall zu bemerkende Grundeinstellung. Das kam jedoch tatsächlich nicht so rüber und dafür entschuldige ich mich.
      Ich will gar nicht abstreiten, dass die Lage für Eltern und Kinder schwer ist und dass viel Verzicht und auch Traurigkeit dabei ist (übrigends auch bei uns). Aber was mir wirklich zunehmend echt sauer aufstößt ist die generell Einordnung der eigenen Lage in den Gesamtkontext. Zum heutigen Zeitpunkt bestehen die strengsten Maßnahmen gerade mal etwa 4 Wochen. Wir haben hier in Deutschland jeden noch so erdenklichen Luxus und Komfort worum uns die meisten Krisen-geplagten Länder beneiden würden. Natürlich ist es schwierig und anstrengend, die Kinder gut durch den Tag zu bringen und womöglich auch noch die eigene Arbeit zu stemmen! Natürlich zehrt das an den Kräften und ist zermürbend und es gibt viel schlechte Tage mit Frust und Tränen. Ja. Und es ist weder falsch noch verwerflich, sich Unterstützung und Hilfe zu holen wenn man mit seinen Ideen am Ende ist.

      Nur aus Interesse: Was wurde denn seitens der professionellen Beratung empfohlen?

      Ich glaube einfach nur, dass wir alle grundsätzlich uns und unseren Kindern durchaus zumuten können, für eine gewisse Zeit auf einen Teil unseres Schlaraffenlandes zu verzichten ohne dass man gleich Debatten über „verlorene Generationen“ führen muss. Was sollen die Kinder sagen, die wirklich Not und Gewalt derzeit verstärkt erleben, zu Hause nichts zu essen bekommen weil das sonst die Einrichtungen übernommen haben, etc.? Für diese Zielgruppen müssen dringend Konzepte gefunden werden.

      Vielleicht bin ich auch deswegen so verbittert, weil ich in meinem Umkreis jahrelang immer ziemlich belächelt wurde, wenn ich mich vehement für eine verstärkte Unterstützung von minderjährigen Flüchtlingskindern ausgesprochen hatte und sehr enttäuscht darüber war, dass wir derzeit lediglich 50 Kinder aus den Lagern aufnehmen. Dieselben Leute bekommen jetzt Nervenzusammenbrüche am laufenden Band weil ihr inneres Gleichgewicht durch fehlende Besuche im Fitness-Studio gefährdet ist oder die Kinder nicht mehr ins Kino dürfen.

      Ich habe nicht das Recht, einzelne Familien anzugreifen oder zu kritisieren und hier läuft auch ganz bestimmt nicht alles besser und garantiert nicht einfacher. Ich behaupte allerdings, dass ich bestimmte Einstellungen hier schlichtweg nicht akzeptiere oder gelten lasse, weil mir aus verschiedenen Gründen überdeutlich bewusst ist, wie gut es uns allen hier trotz allem noch geht und das versuche ich auch so zu vermitteln.

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      1. Ok, ich verstehe Ihren Kommentar jetzt ein wenig besser. Dann möchte ich gerne auch klarstellen, dass ich nicht auf hohem Niveau jammern möchte und auch noch weit entfernt davon bin, eine „verlorene Generation“ zu sehen. Ich habe lediglich unsere eigene Situation dargestellt und festgestellt, dass in der öffentlichen Diskussion und auch im Blog hier die (psychischen) Auswirkungen auf Kinder und deren Eltern mir ein wenig zu kurz kommt. Und mir fehlt auch dieser Aspekt in den „Exit“-Diskussionen. Als Betroffener weiß ich nicht, ob das in den Überlegungen unserer Entscheider (sind ja meistens alles Männer mit Karriere in der Politik, die macht man in der Regel nicht mit eigener Kinderbetreuung und Teilzeitbeschäftigung, so wie unsereins…) überhaupt eine Rolle spielt und auf welchen zeitlichen Horizont wir uns als Eltern UNGEFÄHR einstellen können/müssen. Und ohne jegliche Information oder Hoffnung, lebt es sich in schweren Zeiten nochmal deutlich schlechter…

        Ich bin aber bezüglich Flüchtlingskinder ganz bei Ihnen! Ich finde es auch erschreckend, welche Milliardenprogramme man momentan ohne Zögern aus dem Hemdsärmel schüttelt (die auch größtenteils richtig sind!) und es wirkt, als drücke man jedem noch ein Bündel Geldscheine in die Hände, der gerade „hier“ ruft. Aber für ein paar Hunderte Flüchtlinge und Flüchtlingskinder hatte man außer warmer Worte monatelang nichts übrig, obwohl dort eine menschliche Lösung vermutlich einen Bruchteil gekostet hätte und uns als reichem Land garantiert nicht wehgetan hätte. Das stimmt mich auch wirklich traurig, weil die dortigen Probleme noch ganz andere Dimensionen aufweisen als unsere hier.

        Ja, uns in Deutschland geht es gemessen an vielen, vielen anderen Ländern, sehr sehr gut. Und wo hier vielleicht eine vierköpfige Familie in einer Zweizimmerwohnung in der Stadt in der Ausgangssperre zurechtkommen muss, sind es auf anderen Kontinenten teilweise bis zu 12 Köpfe in einer Einzimmerwohnung. Ganz klar, sind zwölf Leute in so einer Wohnung noch viel schlimmer dran als vier Leute in zwei Zimmern, aber man wird immer jemanden finden, dem es noch schlechter geht. Deswegen still und heimlich zu leiden, halte ich nicht für richtig. Und ich meine jetzt nicht, dass man Wehklagen darüber, dass das eigene Kind gerade nicht seinen Lieblingsjoghurt im Kindergarten mit seinen Kumpels genießen kann, gutheißen oder fördern soll, aber die ernsthaften Auswirkungen des Lockdowns, finde ich, muss man öffentlich benennen dürfen und sollte es auch ruhig mal tun, weil sich sonst der Eindruck verfestigen könnte, es wäre alles kein Problem und könnte noch ewig so weiterlaufen.

        Ich sage es ganz ehrlich: Über die Ostertage waren wir hier auch wirklich am Zahnfleisch, weil da unser Kind so richtig schlecht drauf war: Alpträume, schlechter Schlaf, Gereiztheit, ganz schlechte Stimmung, Tränen, Fragen nach Großeltern & Co. Und man selbst hat noch die eigenen Chefs in den Ohren, die sagen, man müsse als Eltern halt dann einfach über Ostern auch arbeiten, wenn es in den Wochen davor nicht gereicht hat, um die gewohnte Leistung zu erbringen. Yipiieeh!

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  9. Nachtrag:
    Was nicht heißen soll, dass ich alle Einschränkungen aufheben will! Ich nehme das ganze durchaus sehr ernst. Aber das bedeutet trotzdem, dass wir ein Auge auf die haben müssen, die damit nicht so einfach klar kommen.

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