Journal Club

Es ist gute Tradition im Krankenhaus, im Labor und bei der Ausbildung, wenn regelmäßig während der Teambesprechungen berichtet wird aus aktuellen Veröffentlichungen, der letzten Fortbildung oder einfach nur „ich habe da mal was gelesen“. Nicht alle können alle lesen, deshalb geben alle etwas an alle weiter.

Frühkindliche Reflexe zeigen keine Entwicklungsstörung an

Im neuesten GWUP-Magazin „skeptiker“ findet sich ein hervorragender Übersichtsartikel über ein Schwurbelthema, an dem man nicht vorbeikommt, wenn sich ein Kind angeblich nicht normal entwickelt. Es geht um die angebliche Persistenz frühkindlicher Reflexe (also beispielsweise den Greifreflex), dass dies die normale Entwicklung beeinflusse (Spoiler: tut es nicht) und dass es dafür ganz tolle Therapien gebe (Spoiler: gibt es nicht).

Die Professorin für Kindheitspädagogik (Berlin) Prof. Dr. Barbro Walker gelingt es, mit einem Schmunzeln genau dieser Schwurbelei auf den Grund zu gehen, sie zitiert einschlägige seriöse Untersuchungen, seziert die Gegenveröffentlichungen im Detail und zieht einen klaren Schluss: „(…) bei der Annahme, Lern- und Verhaltensschwierigkeiten seien auf ein Persistieren frühkindlicher Reflexe zurückzuführen, (…)“ handelt es sich „ganz offenbar um eine Außenseiterposition (…), die sich jenseits der etablierten Wissenschaftsdisziplinen bewegt und die kein Fundament in wissenschaftlichen Erkenntnissen und Untersuchungen hat.“ Weiter: „Pädagogischen Fachkräften und Eltern wird durch die propagierte Behandlung vermittelt, man könne komplexe pädagogische Probleme mit Bewegungsübungen beseitigen.“

Vielen Dank für die Klarstellung. Jetzt muss das nur verbreitet werden.

—> Prof. Dr. Barbro Walker: Persistenz frühkindlicher Reflexe, Ein wissenschaftlich fundierter Erklärungsansatz für Lernschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten im Kindesalter?, skeptiker 2/2021, 72-81

Medikamentöse Therapie bei ADHS

Die Therapieempfehlungen der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ADHS sind immer wieder schwer überschaubar, lange Zeit kochte jeder Kinder- und Jugendpsychiater, jeder Kinder- und Jugendarzt, jedes Sozialpädiatrische Zentrum sein eigenes Süppchen, die Varianten waren vielfältig wie das Krankheitsbild. So weit, so verständlich.

Seit einiger Zeit ist man nun bemüht, Leitlinien in Diagnostik und Therapie des ADHS zu formulieren. Insbesondere die Entscheidung, wann denn nun mit Methylphenidat und sonstige behandelt wird, fällt stets schwer. Die vorliegende Übersicht, in der aktuellen „Monatsschrift Kinderheilkunde“ als CME-Fortbildung erschienen, taugt als hervorragender Einstieg in die Lösung dieser Problematik. Wir erlernen eine Einteilung nach Schweregrad, eine Tabelle mit den gängigen Medikamenten und den empfohlenen Verlaufsuntersuchungen (vor allem der Körpermaße und des Blutdrucks). Überaus angenehm: Die leidigen Blutabnahmen vor und während der Therapie, die bereits in den aktuellen Leitlinien nicht mehr auftauchten, werden gar nicht mehr erwähnt. Wir sollten wirklich darauf verzichten.

—> Prof. Dr. Michael Frey, Medikamentöse Therapie der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, Nutzen und Risiken, Monatsschrift Kinderheilkunde 2021, 169: 761-769, https://doi.org/10.1007/s00112-021-01229-2

Die Macht der Worte

In der „Kinderärztlichen Praxis“ fand ich einen sehr angenehmen Text zur „Macht“, die unsere Worte in der Kinderarztpraxis gegenüber den Kindern haben kann. Glücklicherweise gibt es den Artikel hier online, für alle zum Nachlesen, es lohnt sich.

Kinder haben eine andere Sicht- und Denkweise auf und in der Welt, „das Denken in Wenn-Dann-Ketten und Schwarz-Weiß ist häufig.“ Daher sollten wir innerhalb von unangenehmen Prozeduren wie Blutabnahmen oder Impfungen versuchen, die Situation positiv zu konnotieren. Gut gemeinte Besänftigungen wie „Das ist nicht schlimm“ oder „Das tut nicht sehr weh“ wecken falsche Erwartungen und werden oft gegenteilig verstanden, ein Nocebo-Effekt ist die Folge – die Prozedur wird als viel unangenehmer erlebt.

Positive Suggestionen sind hilfreich („Sag mir, was Du gespürt hast“ oder „Du kannst das wegpusten“), die Begleitung sollte durch ein entspanntes Elternteil erfolgen, eine positive Grundhaltung muss geübet werden.

Das einzige, was mir in dem Artikel fehlte: Der Hinweis, unangenehme Prozeduren nicht komplett zu negieren oder dem Kind zu verheimlichen. Das ist leider immer noch gängige Praxis vieler Eltern.

—> Ursula Fuchs-Egli, Manfred Koch, Die Macht der Worte, Worte können als Placebo oder Nocebo wirken, Kinderärztliche Praxis 92, 80-82 Nr.4 Juli 2021

(c) Bild bei pxfuel (free for use)

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