Lesepotpourri Juli, August, September

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Das Sommer-Quartal, inklusive Corona-Eigentlich-Lese-Zeit und dem Sommerurlaub, traditionell genug Muße und Ruhe, um ein paar Bücher zu verschlingen. Wer mag, hier die Lektüren meines Sommers, soweit beendet (an/in ein paar hänge ich noch fest):

Dragman von Steven Appleby

Steven Appleby ist ein begnadeter Comic-Zeichner, den ich bereits von seinem Twitter-Account, aber vor allem aus seiner Zeichenkolumne im „The Guardian“ kenne. Ich mag seinen Stil und seinen sehr feinen Sinn für Humor. Appleby selbst bezeichnet sich als Cross-Dresser, er ist ein Mann, der gerne Frauenkleider anzieht. Aus dem Struggle rund um diese Liebe hat er nun eine graphic novel geschrieben: August Crimp entdeckt, dass er fliegen kann, sobald er Frauenkleider anzieht, er wird zu Dragman, dem Superhelden unter einer Vielzahl von anderen Superhelden im London von heute. Aber die Seelen der Menschen werden teuer verkauft, die Menschheit scheint zugrunde zu gehen, Dragman und sein bester Freund Dog Girl müssen sie retten. Ein fantastisches Buch mit himmlischen Zeichnungen und einer tollen metaphorischen Geschichte voller Liebe und Hingabe zum ureigenen Geschlecht. (5/5)

Der Atlas für Neugierige von Ian Wright (Übersetzt von Andrea Brandl)

Bücher mit Karten, über Karten, von Karten, voller Karten sind gerade total in, möglichst noch als Erklärkarten. Ich gebe zu, mich faszinieren Infografiken genauso und ich kann mich kaum daran sattsehen. Wer eine regelmäßige Dosis davon braucht, dem sei das Magazin Katapult ans Herz gelegt, mehr Sachinfo, Kritikinfo in Grafiken gibt es kaum. „Brilliant Maps“ ist auch so ein Ding: In vielen vielen Karten erklärt uns Ian Wright trockene Statistiken, sie werden dadurch lebendiger und eindrucksvoller, der Aha-Vergleich ist in Texten nicht zu erreichen. Auf seiner Homepage sammelt er viele Karten von anderen Quellen, im vorliegenden Buch sind die meisten Karten von ihm selbst gezeichnet. Mir fehlt ein wenig der Humor, der in den Kartenbüchern des Katapult-Verlages viel frischer rüberkommt, aber als Geschenk für informierte Menschen ist das Buch ein Hingucker. (4/5)

Die Notaufnahmeschwester von Ingeborg Wollschläger

Notaufnahmeschwester habe ich vor drei Jahren bei der Verleihung der Goldenen Blogger kennengelernt, sie gewann damals für den tollen Text „Ihr Lappen!“, zwei Jahre später war ihr Buch da. Sehr lesenswert, sehr viel Insider, sehr viel Humor, aber auch Ernsthaftigkeit, mir hat es ein paar schöne Stunden bereitet. Noch ein Buch aus der grossen Krankenhaus-Bubble, sicher, aber der Blick aus der Pflege kommt meines Erachtens in den vielen Publikationen viel zu kurz. Inge schreibt mit viel Herz und viel Liebe für den Beruf, trotz aller lästigen Patienten, die durch ihre Notaufnahmetür kamen. (5/5)

Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens von Tom Barbash (Übersetzt von Michael Schickenberg)

Anton Winter kehrt von einem Freiwilligendienst 1979 in Afrika zurück, um bei seinem Vater im berühmten Dakota Buildung unweit des Central Parks in New York zu leben. Er trifft auf so illustre Mieter wie Johnny Carson, Ted Kennedy und eben John Lennon, letzterer könnte die abgewirtschaftete Fernsehshow von Antons Vater wieder zu neuen Einschaltquoten pushen. Der Roman plätschert sanft vor sich hin, lebt von den Auftritten der berühmten Stars, dass Lennon im Titel erscheint, dürfte zumindest im Deutschen Verkaufskalkül sein (im Amerikanischen heißt der Roman The Dakota Winters). Mir fehlte ein wenig der spannende Bogen, das Ziel, auf den der Roman zusteuern könnte. Ein Schulterzucken am Ende reicht nicht. (2/5)

Qube von Tom Hillenbrand

Die Hologrammatica bestimmt unsere Welt, wir leben in einer virtuellen Scheinwelt, die uns Dinge vorgaukelt, die nicht existieren, in der wir Menschen sehen, die nicht sind. Diese Welt hat Tom Hillenbrand in seinem ersten Hologrammtica-Buch bereits en detail ausgeführt, der zweite Band spielt mit der Welt weiter. Noch einmal droht die alldenkende KI unsere Welt zu steuern, Agenten und Detektive versuchen, dies zu verhindern. Ich fand es schade, dass viele der Personen aus dem ersten Buch nicht wieder erschienen sind, ich hatte die eigentlich sehr lieb gewonnen. Vielleicht ist „Qube“ auch der vermeintliche schwache zweite Teil der Trilogie, so sehr gepackt wie beim ersten Teil war ich diesmal nicht. Im dritten werden vielleicht alle Fäden zusammengeführt. (3/5)

The Midnight Library von Matt Haig

Nora Seed ist des Lebens müde, zuviele Enttäuschungen, zuviele Verluste, zuviel Reue. Doch sie wird nicht sterben, sondern findet sich in der Mitternachtsbibliothek wieder, in der sie Bücher um Bücher findet, die ihr Leben in tausenden Variationen weiterspielen, alleine dadurch variiert, dass sie irgendwann in ihrem Leben eine andere Entscheidung getroffen hat. Dieses Gedankenspiel erscheint tröstlich, wenn auch komplex philosophisch, vielleicht bedenklich, weil wir vermutlich nicht alleine verantwortlich sind für den Verlauf unseres Lebens. Aber auch mit dieser Frage beschäftigt sich das Buch. Matt Haig wagt sich an einen Stoff, der in seiner Idee eine Erklärung der Welt abgeben möchte, die uns aber am Ende zum Vertrauen in unsere ureigenen Entscheidungen verführt. Hat ein bisschen was von Coelho oder John Strelecky, heißt, das Buch driftet ganz knapp an der Küchenphilosophie vorbei, aber nein, ein schönes Buch. (5/5)

Der Araber von Morgen Band 4 von Riad Sattouf (Übersetzt von Andreas Platthaus)

Nur kurz: Riad erzählt weiter von seinem Leben im Nahen Osten, dem Hin- und herreisen zwischen den Welten seines Vaters und dem Frankreich seiner Mutter. Nach den ersten drei Bänden kehrte für mich jetzt ein wenig Redundanz ein, aber toll gezeichnete Geschichten bleiben die Bücher in jedem Fall. (3/5)

Herzfaden von Thomas Hettche

Nominiert für den Deutschen Buchpreis, all um all gelobt für seine Virtuosität, ist dieses Buch vor allem der Inbegriff der Historie einer deutschen Kulturlandschaft: Der Augsburger Puppenkiste. Gibt es eine Bühne in Deutschland, die berühmter ist? Sogar international bekannt? Auch wenn die Anziehungskraft der Marionetten in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich abgenommen hat (jedenfalls im Fernsehen, da es keine Produktionen mehr gibt, die Vorstellungen in Augsburg sind weiterhin ausverkauft), bedeutet die Puppenkiste für alle Kinder der 60er bis 90er Jahre des vergangenen Jahrhundert Kindheit. Urmel, Jim Knopf, Kalle Wirsch, Li Si, sie tauchen alle in diesem sanften Buch auf, es ist wie das Hineinzappen in alte Filmrollen bei Arte oder einer Mediathek. Dabei erzählt Hettche vor allem eins: Die Überwindung des Kriegstraumas durch die Phantasie. HaTü, die Tochter des Begründers der Augsburger Puppenkiste, folgen wir in ihrem Leben aus dem Krieg heraus in die Zeit des Neubeginns, verwoben mit einer Parallelgeschichte eines Mädchens, das in einem Traum (?), einem Alice´schen Hasenbau gleich zwischen die Marionetten gerät und wieder in die Realität zurückfinden muß. Etwas nervig fand ich das iPhone als Gegenentwurf zu den Marionetten, naja, das ist doch sehr platt, wunderbar aber Hettches poetisch-naive Sprache, die sicher so manche Preisjury überzeugen wird. Das Sujet alleine bedeutet Garantie für Erfolg. Mit Jim Knopf kannst Du nur gewinnen. (5/5)

gefolgt von niemandem, dem du folgst von Jan Böhmermann

Er hat sie alle gelöscht, alle Tweets, die er bis zur Veröffentlichung des Buches geschrieben hat. Das ist die Analogisierung des Tweetaphorismus, schlauer Schachzug. Jan Böhmermann hat die besten seiner Tweets in einem Buch zusammengefasst, geschickt kombiniert mit Fußnoten, die den historischen Kontext illustrieren, abgesetzt mit Replys anderer Twittergrößen und nicht-so -größen. Niemand verlangt, dass man dieses Buch von vorne nach hinten durchliest, genau wie bei Twitter reichen auch ein paar Häppchen hier und da aus, um befriedigt zu sein, denn wie beim echten Twitter erschlägt die Menge. Die Effekte des „ach, da war das“ und „solange ist das schon her“ sind unendlich, die Genialität des Twitterkosmos ist ein ideales Spielfeld für den Typen Böhmermann. Das Buch endet mit den ersten Tweets zur Coronakrise, eine willkommene Zäsur, sonst würde es ja weiter und weiter gehen. Geht es aber, denn Jan Böhmermann twittert immer noch, wahrscheinlich bis zum zweiten Band 2020-2030. Eine Riesenverbeugung für die wunderbare Gestaltung des Buches, es wirkt beinahe bibliophil, die Büchergilde könnte es nicht besser, mit Lesebändchen, Mehrfarbendruck und einem angenehm haptischen Äußeren. (5/5)

Und dann war da noch:

Das Lied von Eis und Feuer – 4 – Die Saat des goldenen Löwen von George R.R. Martin (übersetzt von Andreas Helweg)

Das Lied von Eis und Feuer – 5 – Sturm der Schwerter von George R.R. Martin (übersetzt von Andreas Helweg)

Das Lied von Eis und Feuer – 6 – Die Königin der Drachen von George R.R. Martin (übersetzt von Andreas Helweg)

Ok, jetzt brauche ich dann ein wenig Pause von GoT, mindestens zehn Bücher etwas anderes lesen. Die Saga schleppt sich weiter hin, die Unterschiede zur Filmreihe werden nun immer größer, man merkt deutlich, dass die Showrunner bei HBO versucht haben, die verschiedenen Handlungsstränge der Bücher auf das Essentielle einzudampfen, zu raffen, zu dramatisieren. Absolut korrekt. Puristen weinen auf, weil vieles so anders ist, aber so what? Jedenfalls bin ich vorerst gesättigt. Das ist ein seltsames Vorgehen: Die Buchreihe ist nicht beendet, die Fernsehserie hat sie bekanntermaßen eingeholt und wurde bereits beendet, was soll George Martin nun noch machen? Als Autor gezwungen, ein eigenes Ende zu finden, muß dieses in jedem Fall besser werden als das Ende der Filme, aber eigentlich kann er als Zuspätkommer nur verlieren. (4/5)

[Dieser Post enthält Affiliate Links zu Amazon] (c) Bild bei Flickr/Abhi Sharma (unter Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0) – Lizenz)

3 Gedanken zu “Lesepotpourri Juli, August, September

  1. Hallo Kinderdok

    Ich habe ihnen vor zwei Tagen eine E-Mail geschrieben -an die im Impressum angegebene E-Mail-Adresse.

    Ich wollte Sie daher fragen, ob Sie meine E-Mail erhalten haben.

    Ich erwarte nicht, dass Sie sofort antworten, und ich nehme an, dass sie ein vielbeschäftigter Mann sind. Und schließlich steht es ihnen natürlich frei, zu antworten wann sie es wollen.

    Aber ich wollte einfach nur auf Nummer Sicher gehen, dass meine Mail auch ankam.

    Liken

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