Studien zur Osteopathie

Studies by Nick Youngson CC BY-SA 3.0 Pix4free

Im Rahmen des Podcasts von Natalie Grams-Nobmann, in dem wir uns über die Osteopathie unterhalten hatten (hier hörbar), habe ich mich mit Studien auseinandergesetzt, die zur Osteopathie erschienen sind. Ich gebe zu, ich ging den einfachen Weg: Freundlicherweise listet die Akademie für Osteopathie auf ihrer Website alle von ihr gefundenen Studien auf, die ich dann mal durchforstete. Die Akademie wird sicher unbefangen sein, was das Thema angeht.

Übersicht

Von den gelisteten 178 Studien interessierten mich naturgemäß nur solche, die eine Schnittmenge zur Pädiatrie aufwiesen, die anderen habe ich mal großzügig übersehen, schließlich habe ich auch zu wenig Ahnung von anderen Fachbereichen. Achja, kleine Nebenbemerkung zu der Liste: Eigentlich sind das gar nicht alles Studien, sondern auch Vorträge, Beobachtungen, Einzelfallberichte oder gar Dinge, die sich überhaupt nicht mit der Osteopathie beschäftigen. Aber sind wir mal nicht kleinlich.

Übrig blieben also 24 Studien mit Bezug zur Pädiatrie, bezugnehmend auf „Osteopathie und…“: ADHS, Hüftreifung bei Säuglingen, Schluckstörungen bei Säuglingen, Auditiver Wahrnehmungsstörung, Dreimonatskoliken, Säuglingsasymmetrien einschließlich dem kongenitalen Torticollis, Neurodermitis, Lese-Rechtschreib-Schwäche, Tränengangsstenose, Ikterus neonatorum, Wachstumsschmerzen, Adipositas, Schlafstörungen, Asthma, Rechenschwäche und Nasenbluten. Interessiert war ich neben dem jeweiligen Ergebnis vor allem am Studiendesign und den Fallzahlen. Auffällig ist, dass die Mehrzahl der Studien lediglich in Osteopathie- oder Alternativmedizinisch geprägten Zeitschriften veröffentlicht wurde, kaum eine in einem anerkannten Journal. Vielleicht sind bei letzteren die Kriterien zu streng.

Qualität

Enttäuscht war ich, mit welchem Chuzpe „Studien“ z.B. ohne Kontrollgruppe stattfanden und trotzdem veröffentlicht wurden, manche der Veröffentlichungen liefen nach dem Prinzip „OsteopathIn behandelt und befragt danach die Eltern, ob es was gebracht hat“. Dies wird dann groß als „Prä-Post-Studie“ betitelt. Andere Arbeiten wurden nicht randomisiert durchgeführt, bei anderen wurde zwar eine Kontrollgruppe definiert, die keine osteopathische Manipulation bekam, bei der aber nicht sauber definiert war, ob und in welcher Form diese überhaupt therapiert wurde. Müßig zu erwähnen, dass die „Diagnosen“ bei den Probanden in aller Regel durch die OsteopathInnen selbst gestellt wurden.

Eine ideale Studie wäre eine doppelverblindete, d. h. bei der weder AnwenderIn noch PatientIn weiß, ob und in welcher Form eine osteopathische Handlung vollzogen wird. Verständlicherweise ist dies bei einem Verfahren mit so intensivem körperlichen Kontakt schwer zu designen, eine Studie wäre aber denkbar, die drei Gruppen definiert a) Osteopathie, b) Pseudoosteopathie und c) keine Behandlung. Ähnliches wurde bei der Akupunktur durchgeführt und brachte die hinreichend bekannten Ergebnisse: Echte Akupunktur ist einer Pseudoakupunktur („Sham-Acupuncture“) nicht überlegen, es geht um „das Tun“, d. h. der Placeboeffekt der Aktion an sich ist das Wirksame.

Ergebnisse

Zurück zur Osteopathie: Einzelstudien, wenn auch schlecht designed, wie sie von der Akademie für Osteopathie gelistet werden, zeigten keine signifikante Besserung in der Behandlung bei Hüftreifungsstörungen der Säuglinge, kongenitalen Torticollis, Lese-Rechtschreib-Schwäche, Tränengangsstenosen, Ikterus, Adipositas, Wirbelsäulenfehlhaltungen bei älteren Kindern und Kreuzschmerzen. Trotzdem werden diese Indikationen von vielen Osteopath:innen weiterhin gelistet.

Schaut man sich die Studien mit positivem Effekt genauer an, finden sich in aller Regel sehr kleine Fallzahlen oder eine undefinierte (oder nicht vorhandene) Kontrollgruppe. Exemplarisch seien zwei Studien zur Asymmetrie bei Säuglingen herausgegriffen, unzweifelhaft eine „beliebte“ Indikation für eine osteopathische Behandlung. Den Säuglingen wird eine – wie auch immer definierte – asymmetrische Haltung attestiert, nach der osteopathischen Lehrmeinung durch ein „Geburtstrauma“ ausgelöst (Was immer das bedeutet. Im fachmedizinischen Sinne ist ein Geburtstrauma eine Verletzung einer anatomischen Struktur, also z. B. eine Clavicula-Fraktur oder eine Parese des Plexus brachialis. Es ist leider Usus geworden, sogar Spontangeburten als „traumatisierend“ für den Säugling zu betiteln und damit den Geburtsvorgang an sich zu pathologisieren).
Eine Studie zur Säuglingsasymmetrie von 2009 lässt die Verumgruppe (n=27) osteopathisch und durch eine Vojta-Gymnastik behandeln, die Kontrollgruppe (n=28) lediglich nach Vojta. Im Ergebnis findet sich keine Besserung in keiner der Gruppen! Interessanter Nebeneffekt: Auch in der Nachschau findet sich keine komplette Auflösung der Asymmetrie bei den Kindern.
Eine andere Studie von 2016 mit ähnlichen Fallzahlen (30 vs. 29) findet eine Besserung in 30% bei der ausschließlich osteopathisch behandelten Gruppe versus 15% bei der physiotherapeutisch behandelten Gruppe.
Wo ist der feine Unterschied im Design? In der 2009-Studie wurden die Kinder primär pädiatrisch untersucht, 2016 primär durch eine/n OsteopathIn, man darf unterstellen, dass 2016 andere Kriterien angesetzt wurden als 2009.

Reviews

Es gibt auch Reviews zur Osteopathie: So finden Posadzki et al 2013 viele Mängel in den Studien, die übrig verbleibenden 17 „sauberen“ Arbeiten sind wenigstens randomisiert. Am Ende finden die Autoren nur fünf Arbeiten mit hoher Qualität, hiervon zeigt nur eine signifikante Verbesserungen nach osteopathischer Behandlung, vier zeigen keine Veränderungen. Carnes et al (2017) reviewen Einflüsse der Osteopathie auf die 3-Monats-Koliken (immerhin im British Medical Journal) und sehen geringe Effekte, bei Verbesserung der Verblindung sind keine Effektänderungen mehr zu finden. Lanaro et al (2017) haben 5 RCT ausgewertet und sehen eine Verkürzung der stationären Liegedauer bei Frühgeborenen unter osteopathischer Behandlung, allerdings wird ihrem Review ein mangelndes Auswertungsmodell attestiert, was eventuell zu nicht signifikanten Änderungen führte, wenn richtig angewendet.
Kleinere Arbeiten: Judith Bose findet in ihrer Arbeit zu Saugstörungen keine guten Ergebnisse, „da keine qualitativ hochwertigen Arbeiten vorliegen“, Sascha Gerhardt findet ebenso ernüchternde Ergebnisse für osteopathische Behandlungen bei Lese-Rechtschreibschwäche.

Fazit

Es ist ähnlich wie bei anderen andersmedizinischen Verfahren: Je höher die Qualität der Studie, je größer die Verblindung von Therapeut:innen und Patient:innen, desto mehr weichen die Unterschiede zwischen Verum- und Kontrollgruppe auf. Verfahren, die einen so hohen „Sanftheits-“ und „Anfass-„Faktor haben wie die Akupunktur oder die Osteopathie sind prädestiniert für einen hohen Placeboeffekt. Steht diesem der Leidensdruck und die Erwartungshaltung der Eltern gegenüber, gepaart mit der katalytische Bahnung durch Hebammen und manchen Kinderärzt:innen ist ein subjektivpositiver Effekt einer jeglichen Behandlung zu erwarten.

Gerade deshalb sollten wir den Eltern gegenüber immer ehrlich sein: Viele der oben genannten „Indikationen“ sind selbstlimitierend oder lassen sich genauso gut mit etablierten Verfahren wie Handling der Säuglinge oder Physiotherapie verbessern, so dass wir nicht auf eine fragwürdige Therapie ausweichen müssen. Für viele andere konstruierte Indikationen gibt es keine validen Studiendaten, hier sollte eine osteopathische Behandlung grundsätzlich obsolet sein, Nebenwirkungen sind ein leerer Geldbeutel, eine unfaire Belastung der Solidargemeinschaft (wenn Krankenkassen aus Marketinggründen die osteopathischen Kosten erstatten) und eine verspätete Behandlung auf andere Weise.

Übersichtsarbeiten: (Restliche Literaturverweise im Text)

ErnstE (Universities of Exeter & Plymouth, Exeter, UK). Acupuncture – a critical analysis (Review) J Intern Med2006;259: 125–137

Geburtstraumen – Abstract bei „Amboss“ – https://www.amboss.com/de/wissen/Geburtstraumen/ (Zugriff 5.3.2022)

Paul Posadzki 1Myeong Soo LeeEdzard Ernst: Osteopathic manipulative treatment for pediatric conditions: a systematic review

Sonstiges:

Quark Science Cops zur Osteopathie

Natalie Grams in Spektrum

Weiterführende Statements und Infos bei GWUP


Der Podcast:

(c) Bild bei  Nick Youngson CC BY-SA 3.0 Pix4free


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7 Antworten auf „Studien zur Osteopathie“

  1. Wir wurden bei unserer Tochter vom Kinderarzt zur Osteopathin geschickt. Unsere Tochter war fünf Wochen zu früh dran, schlief nur gut wenn sie auf meiner Brust lag… hat zwischen uns liegend/sitzend immer zu einer Seite geschaut… alles nichts dramatisches, aber schon so das es einem aufgefallen ist. Bei der Osteopathin wurde dann eine Verspannung diagnostiziert, durch einfaches halten des Babys in verschiedenen Positionen sowie Hand Auflegen (eine Form der Massage war nicht zu erkennen), war bereits nach der ersten Behandlung das Thema Vorzugsseite erledigt und nach zwei weiteren Sitzungen war auch das ausschließlich gute schlafen bei mir auf der Brust erledigt. Keine Ahnung wie man das Bezeichnen mag, aber zumindest wurde das Problem was der Kinderarzt gesehen, aber nicht beheben konnte/wollte, dort behandelt. Und am Ende bekommt bei mir derjenige recht der heilt, ob er das durch Hand auflegen, Placebo oder Hypnose macht, ist doch dem kranken am Ende egal.

    1. Nur, dass a) niemand krank war, b) dies nur anekdotische Evidenz hat, und die Studien eine andere Sprache sprechen, und c) „wer heilt, hat Recht“ einen Kausalzusammenhang voraussetzt, was eben nicht stimmt. Die Zeit hat Recht, und die Selbstheilung und die Spontanheilung usw.

      1. Naja, krank ist bei vorzugsseite und ähnlichem bei Säuglingen sowieso schwerlich zu definieren. Klar war das die Kopfhaltung bevorzugt zu einer Seite ging, die andere Seite eher widerstrebt hat. Es ist schon eine merkwürdige spontanheilung wenn Wochenlang sich nichts tut, und nach einer „Behandlung“ dann sofort eine Veränderung eintritt. Bin sicherlich niemand der etwas von diesen Schwurblern hält. Genauso wenig wie Homöopathie, aber ich muss trotzdem zugestehen das es geholfen hat. Und ganz ehrlich, ob es nun Osteopathie, Massage oder Physiotherapie oder Orthopädische Behandlung war, wo liegt der Unterschied? Nur beim ausführenden Behandler? Warum hat der Kinderarzt diese „Übungen“ nicht einfach gemacht?

  2. Tatsächlich ist der Osteopathiebereich sicherlich mit einigen Leuten besetzt, denen es reinwegs um die Kohle geht. Dennoch muss ich sagen – gerade bei Säuglingen kenne ich viele Fälle, bei denen es absolut hilfreich war. Wir hatten ein extrem unruhiges Schreikind, das nur auf einer Seite gut stillte, sehr sehr sehr wenig schlief, ständig überreizt war und extreme Koliken hatte. Und wir hatten leider eine sehr egozentrische und absolut nutzlose Hebamme (Ich hab sie nach 5 Besuchen „abbestellt“). Unsere Kinderärztin ist eigentlich wirklich toll, aber die klassischen Mittelchen halfen nur wenig und für Physio war es ihr noch zu früh.
    Glücklicherweise gibt es in unserer Gegend eine „Babyflüsterin“ – sie hat div. Aus- und Weiterbildungen im med. Bereich von Physio bis Lowen System. Sie war unsere Rettung!!! Wirklich es ist mir völlig egal, ob sie worklich irgendwas gelöst oder gelockert hat. Oder ob Sie mir einfach nur in der Stunde mein Selbstvertrauen in mich und mein Kind zurück gab,ich hätte dafür auch das Doppelte gezahlt! Wir waren drei- oder viermal dort… in der letzten Sitzung sagte sie schon, dass mein Sohn sie nicht mehr bräuchte. Die Sitzung kostete 17 €! Sie erklärte mir Dinge über mein Kind, die heute deutlich zu erkennen sind. Vielleicht hätte eine gute Hebamme oder ein/e Kinderärztin das auch alles gekonnt, aber diese/r kann es nunmal nicht abrechnen. Und insofern „braucht“ es eben manchmal diese Leute. Was genau dann hilft, ist auch egal.
    Im Übrigen schickt besagte Babyflüsterin auch Mütter weg, wenn sie bei ihrem Kind nichts findet. Ich habe es tatsächlich so gesehen, dass ich sie als Therapeutin für uns beide bezahlt habe. Wobei es schon nach den Sitzungen auch neue Bewegungsabläufe bei meinem Sohn gab – auch in der Verdauung. Aber das ist eben nur einer von vielen Einzelfallberichten. 😄

    1. Ist ja OK, wenn die Dame euch geholfen hat und wenn ihr bereit ward das zu bezahlen.
      Die Frage ist, wie sie dafür wirbt. Als Babyflüsterin oder als Therapeutin mit medizinischenm Hintergrund.
      Ersteres wäre OK, aber sobald halt jemand mit evidenzbasierter Medizin wirbt, sollte diese auch dahinter stecken und keine Placebomethodik.
      Zumindest sollten diese Leute vorab erklären, dass ihre bMethoden keine wissenschaftliche Evidenz haben. Wenn der Kunde dann sagt, dass er trotzdem dran glaubt ist es ja OK.

      1. Also sie hat einen Vortrag im städtischen Krankenhaus gehalten, ist so ein Angebot für junge Eltern, da gibt es verschiedene Themen. Im Krankenhaus arbeitet sie übrigens mittlerweile auch stundenweise auf der Geburtsstation, aber ich weiß nicht unter welchem „Label“. Sie hat einfach erklärt, was Sie so macht und wo das helfen kann. Sie hat nie mit Studien oder so geworben oder irgendwas versprochen. Also wie gesagt, ich empfand es fair und seriös. Tatsächlich hat sie uns damals auch freiverkäuflich Medikamente – für die Darmflora empfohlen. Die Sachen waren nicht homöopathisch, aber quasi „off laben use“ für Säuglinge – und sie haben wunderbar geholfen. Vielleicht hätte unsere Kinderärztin mit das letztlich auch empfohlen so oder so gilt hier natürlich beim Patienten auch das Prinzip „gesunder Menschenverstand „. Da besagte Babyflüsterin wirklich von diversen Hebammen, Pekip Leiterinnen, MuKi-Leiterinnen usw. empfohlen wird, haben hier viele Mütter Vertrauen in ihre Ratschläge.

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