Mein Kind schlägt aus – es gibt wenige Notfälle der Haut

Seit der Pandemie üben wir uns in Telemedizin

Dank der Pandemie beraten meine fMFA mehr am Telefon. Das haben sie zwar schon immer gemacht, und die Eltern nehmen diesen Service sehr gerne an, aber zur Reduzierung der Kontakte in die Praxis haben wir das seit Corona deutlich hochgefahren: Die fMFA sind geschult zu triagieren, d. h. sie stellen Schlüsselfragen (Alter des Kindes, Trinkverhalten, Bewußtseinszustand, Atemprobleme etc.), um die Dringlichkeit eines Termins zu beurteilen, bzw. ob nicht auch eine Beratung am Telefon ausreicht.

Häufige Aufregung entsteht bei Hautausschlägen. Wenig, was Eltern (neben hohem Fieber) mehr verunsichert. Die Haut hat sauber, glatt und rosig zu sein, jegliche Irritation irritiert die Schutzbefohlenen. Seit Corona arbeiten wir auch mit telemedizinischen Methoden, was im Fall von Hauterscheinungen nichts anderes heißt, als dass uns Eltern ein Foto des Ausschlags, des Pickelchens, der Warze, per Mail zusenden, anonymisiert, ohne erkennbare Gesichtszüge, ohne Abbildung der Genitalien (bei Windeldermatitis mitunter schwierig, aber machbar).

Natürlich erkannt man nicht alles auf den Bildern. Die Größenverhältnisse sind schwierig, die dritte Dimension fehlt, das Palparieren1, die Morphologie der Haut. Aber für einen ersten Eindruck reicht es allemal, wir können auf diese Weise sicher 80% der Hauterscheinungen einschätzen und zumindest „Schlimmes“ ausschließen, sogar Therapieempfehlungen aussprechen. Die restlichen 20% werden vertagt oder doch einbestellt. Die Eltern sind sehr dankbar für diese Möglichkeit, und unsere Sprechstunde wird spürbar entlastet.

Was gibt es bei der Haut zu beachten?

Aus Sicht des Laien sehen Hautveränderungen immer „komisch“ aus, übrigens das häufigste Wort in den Beschreibungen am Telefon. Auf den Bildern und durch die Erläuterungen der Eltern können wir viele wichtige Erkrankungen ausschließen: Kinderkrankheiten mit Exanthemen2 wie Windpocken, Scharlach oder Masern haben eine typische Verteilung des Ausschlags, und sie gehen eigentlich immer mit zusätzlichen Symptomen einher, also Erkältung oder Fieber. Deshalb immer die Frage, wo der Ausschlag sonst noch zu sehen ist, z. B. auch im Mund, in den Haaren oder in den Hautfalten. Oder ist der Ausschlag nur an einer einzigen Stelle?

Dann gibt es typische Hautsymptome, also Juckreiz, Trockenheit oder Feuchtigkeit des Ausschlags, Größe der Rötungen (klein- oder grossfleckig, einzelstehend oder „ineinanderfließend“), verschiedene Farben oder sonst auffällige Dinge wie Eiter, Bläue oder Sekrete. Jetzt wird es kompliziert, manches erkennen wir auf den Bildern, manches müssen wir dann eben „live“ sehen.

Schließlich haben die fMFA immer die Frage: „Seit wann besteht der Ausschlag“ und „Was haben Sie denn schon gemacht?“. Zeitliche Abläufe und Therapieversuche sind unglaublich wichtige Kriterien, wie dringend ein Ausschlag angeschaut werden muss. Anders gesagt: „Mein Kind hatte vor fünf Minuten einen roten Fleck am linken Schienbein, jetzt kann man kaum noch etwas sehen“ (ja, doch, das gibt es…), benötigt kein dringendes Konsil. Diese zwei Kriterien sind logischerweise dem Verlauf der Zeit unterlegen, nicht selten ist ein Exanthem verschwunden, wenn das Kind vorgestellt wird, oder eine banale Körperlotion lässt einfache Rötungen bis zum Arztbesuch verschwinden.

Gibt es dermatologische3 Notfälle?

In der Kinderheilkunde so gut wie keine. Eine Entzündung der Haut, z. B. nach Verschmutzung bei einer Verletzung, zählt dazu, auch eine allergische Hautreaktion, aber meist zeigen sich dann Zusatzsymptome (s. o.) wie Fieber, Unwohlsein, Juckreiz oder eben ein Insektenstich oder eine Verletzung. So genannte „Petechien“ sind kleine Hauteinblutungen, die indirekt auf eine Irritation der Blutgefäße oder der Blutgerinnung hinweisen und mitunter durch schwere systemische4 Infektionen ausgelöst werden. Sie sind selten, aber benötigen sofortige ärztliche Beurteilung.

Sehr viele Rötungen sind durch Trockenheit der Haut entstanden, entweder, weil die Hauteigenschaft eben so ist, oder weil die Außenluft dafür sorgt (zuviel Baden, Heizungsluft). Ein probates Mittel bei vielen Exanthemen ist daher, Bodylotion oder im Winter eine fettende Salbe aufzutragen. Wichtig dabei: Die Haut ist ein komplettes Organ und muss daher auch komplett gepflegt werden, also: Nicht nur die Rötungen eincremen. Werden mit dieser einfachen Maßnahme die Symptome nicht besser, reicht das Bild per Mail nicht mehr aus, dann kommen die Eltern mit dem Kind vorbei.

Wir planen gemeinsam mit den Eltern ein Pflegekonzept der Haut: Wann und wie oft wird gebadet, wie sieht die Grundpflege aus, wann brauchen wir Cortisonpräparate und vor allem, warum. Das geht über die Akutsprechstunde hinaus, aber gerade bei Vorsorgeuntersuchungen haben wir genug Zeit, auch Hautprobleme zu besprechen.

1 Palparieren = Betasten, Abtasten
2 Exanthem = Ausschlag
3 dermatologisch, Dermatologie = die Lehre der Hautkrankheiten
4 systemisch = „den gesamten Körper betreffend“



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