amtlich: weniger antibiotika vom kinderarzt

wir kinderärzte habens schon immer gewusst, aber nun macht es eine neue studie publik: wir verordnen weniger antibiotika als die anderen jungs. das macht natürlich selbstzufrieden, aber wir werden uns weiterhin anstrengen, diesem guten ruf gerecht zu werden. also weiter kräftig die neuesten journals lesen, das rote ohr lieber noch mal einbestellen und stets dran denken, dass nicht jeder rote hals gleich scharlach bedeutet. häufiges ist häufig und seltenes ist selten. aber das wissen die anderen doch auch 😉

die bertelsmannstudie beruht auf erhebungen der neuen großkasse barmer-gek. und man kann auch anders darüber berichten: denn immer noch bekommen in der summe die kinder zuviele antibiotika. da scheinen die kinderärzte die einäugigen unter den blinden zu sein. was mich stutzig macht: während der grippesaison bekommt hier gefühlt jedes elternteil jedesmal ein antibiotikum („sogar ein antibiotikum“), obwohl nun auch der letzte weiß, das die influenza ein virus ist. da kann ich nicht die studienzahlen nachvollziehen, dass erwachsene weniger antibiotika bekommen als die kids.

in einem gebe ich allerdings unserem präsi recht: der druck der eltern auf die gabe von antibiotika ist enorm hoch. ich muß eher die eltern überzeugen, *kein* antibiotikum zu verordnen, also noch abzuwarten, als sie dazu zu überreden. da hört man eher den spruch „sie schreiben ja nie etwas auf“ als „muß er immer mit medikamenten vollgepumpt werden“.

 

20 Gedanken zu “amtlich: weniger antibiotika vom kinderarzt

  1. Da lobe ich mir unsere Kinderärzte, die eben auch gerne mal „viel trinken und ausruhen“ verordnen. Ich freue mich jedesmal, wenn ich meinen Kindern nichts medikamentöses einflössen muß und wundere mich sehr über Eltern, die beim Rausgehen ärgerlich murmeln:“ Der hat schooon wieder nichts verschrieben“…dazu fällt mir dann wiederum nichts ein!

    Allerdings kenne ich das auch, dass „meine“ Patienten auch jedesmal irritiert sind, wenn man sie ohne Rezept nach Hause schickt…komisch das!

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  2. Zum Glück bin ich mit meiner Praxis auch sehr zufrieden, … ich finde es auch furchtbar, wenn man für alles und jeden gleich einen Mix an Antibiotika bekommt, statt einen guten Rat von wegen: Zwiebelsaft, warme Kartoffelwickel oder inhallieren, … Aber vor allem hier in der Berliner City (Großstadtphänomen) merke ich, dass gar keiner mehr den guten alten Bilz kennt oder Pflanzen, die überall wachsen und helfen. Wirklich schade. Ich bin bemüht meinen Kindern die Naturmedizin nahe zu bringen. Sie sind so wissbegierig.

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  3. Ich schätze, als Kinderarzt ist es doch relativ leicht, alles andere als Antibiotika zu verschreiben. Da bekommt man noch Hustensaft, Nasentropfen und Inhalationszeugs 🙂
    Bei Erwachsenen geht das ja alles nicht mehr wegen der Krankenkasse.
    Obwohl hier beim Kinderarzt auch schon ein Zettel aushängt, dass sie so ein homöopathisches Mittel gegen Ohrenschmerzen nicht mehr verschreiben können. Aber davon halte ich persönlich sowieso nichts.
    Der Hausarzt hilft sich aber damit, dass er so einfache Dinge auf grünem Rezept rausgibt. Da brauchts auch nicht unbedingt Antibiotika, wenn nicht notwendig.
    Und die Erwachsenen sind wahrscheinlich auch inzwischen sensibler wegen übermäßiger Antibiotikaaufnahme.
    Wichtig ist wohl einfach die Ansprache vom Arzt, eine Dosis Mitleid sozusagen,
    was auch helfen kann 🙂

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      1. Meinst du damit eigentlich alle Hustensäfte oder gibts in der Reihe „Prospan/Schleimlöser/Krampflöser/Hustenstiller*“ auch welche, die helfen?
        Oder anders gefragt: was macht man mit einem Kind mit (spastischer) Bronchitis wenn es nix inhalieren will?
        *kein Anspruch auf Vollständigkeit

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        1. deine reihe wäre bei einer spastischen bronchitis absolut kontraindiziert. bronchitis hat genug schleim, braucht also nicht noch mehr schleimproduzenten wie prospan. abhusten muß das kind auch, also auch keinen hustenstiller geben. und „krampflöser“ ist eh nur ein spruch der pharmaindustrie.
          es gibt salbutamol auch als tropfen zum einnehmen.
          aber: kind mag nicht inhalieren. ich habe auch so jm zu hause. dann gehts denn kinder noch nicht schlecht genug.

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        2. Meinst Du mit den unwirksamen Hustensäften auch ACC und Mucosolvan? Deren Wirkung beruht doch eher auf der Spaltung von Disulfidbrücken (Acetylcystein) und auf einer Aktivierung von Enzymem, die Glykproteine (also den Schleim) zersetzen, und einer Aktivierung des Flimmereptihels (Ambroxol), so dass der Schleim weniger viskos wird und daher besser abhustbar wird. Beide Wirkstoffe „produzieren“ doch keinen Schleim, oder liege ich jetzt komplett daneben?

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  4. Also, ich hab die Studie selbst nicht gelesen, frage mich aber, ob bereinigt wurde auf diagnostisch notwendig verschriebene Antibiotika. Es ist ja nicht per se falsch, AB zu verordnen, wenn indiziert.

    Das zB ein HNO mehr AB verordnet erscheint mir zwangsläufig auch gerechtfertigt, denn zu ihm kommen ja sicher auch die (pediatrischen) Problemfälle, oder?

    Gruß

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  5. Hab ich auch neulich gelesen und an deinen Blog gedacht. Grad bei Thema MOE kenn ich auch KiÄrzte, die bei der leisesten Rötung der Trommelfelle mit AB um sich schmeißen (ja, und Eltern, die das befürworten…) – unser ist da eher zurückhaltend. Hat bei Sohns erster MOE dann doch ein AB verodnet, weil ihm das alles spanisch vorkam und tatsächlich wurde es dann eine Mastoiditis. Aber sowas ist ja super selten. Allerdings sind seitdem einige meiner Bekannten mit Kids wieder sehr auf „bitte sofort AB“ aus. Verhindert haben die bei uns die Komplikation ja trotzdem nicht, das wird aber offensichtlich ausgeblendet…

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  6. Joa, jeder weiß dass eine Erkältung viral ist. ABER viele Menschen wissen nicht, dass Antibiotika dagegen NICHT helfen. Da fehlt Aufklärung. Und solange viele Hausärzte bei etwas länger andauernden Erkältungen gleich ein Antibiotikum verschreiben und es dem Patienten danach tatsächlich besser geht, wird sich der Glaube halten, dass Antibiotika ein Allheilmittel auch bei viralen Infekten sind.

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  7. @kinderdok
    Ja da hast Du sicher recht mit dem Hustensaft, dass der nicht hilft. Aber das weiß ich auch erst durch Deinen Blog. Obwohl es mir vorher auch schon spanisch vorkam, wie er in den Atemwegen helfen soll, wenn man das Zeug gleich runterschluckt 🙂 Aber trotzdem wird uns das jedesmal aufgeschrieben – das ist mir unverständlich. Ein Zweifel bleibt dann immer – es muß doch was dran sein.
    Vielleicht als Zaubermittel – man hofft das Beste 🙂
    Also bleiben nur Nasentropfen und Inhalieren. Das klappt übrigens gut bei uns mit dem Pariboy.

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    1. Na ja, wenn du Zahnweh hast und ein Paracetamol einwirfst, wirkt das auch, obwohl du es sofort runterschluckst – DIE Argumentation ist nicht stichhaltig. (Und Viagra gibts m.W. auch nicht als Zäpfchen, obwohl es da näher am erektiven Gewebe wäre…)

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    1. Würde mich auch interessieren; hatte gerade vor, dasselbe zu schreiben. Die Argumentation von Stiftung Warentest ist anscheinend die, dass der Impfschutz nur zeitlich begrenzt wirken würde und man dann die Windpocken in einer stärkeren Form dann als Erwachsener bekommen würde.
      @Kinderdoc: Hast Du dazu eine Meinung?

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