Besinnung im alltäglichen Grippewust

Jedes Kind ist speziell, jeder Virus auch, jede Mutter, jeder Vater, jede Familie. Jeder Fieberverlauf nimmt seinen eigenen Gang, jeder Rotz, jeder Husten, jedes Zipperlein. Jede Minute, die Eltern am Bett ihres Kindes verbringen, spät in der Nacht, mit der kühlen Hand auf der heißen Stirn oder massierend über den wehen Bauch. Jede Ohrenweh sind eigen, jedes Halskratzen, jeder müde, flaue und schmerzende Kopf. Jede Stich der Impfung, jede Blutabnahme, jede Sorge, weil vierzig Grad Fieber, jedes Schreien in der Nacht, jede Blähung, jede Kolik, jedes rote Auge. Jeder Schreck am Morgen, wenn die Nase blutet oder das Kind weinend auf der Toilette verbringt, weil der Magen das Frühstück nicht mehr hält.
Jedes Mal scheint der Verlauf gleich, doch jedes Mal ist er neu.
Die Flut der Kinder, die in die Praxis kommen, jede mit dem gleichen oder ähnlichen Wehwehchen, jeder Anruf scheint genauso, jede Frage der fMFA, jede Terminvereinbarung, jede Vertröstung, dass die Praxis erst zum späten Nachmittag einen Termin hat, jedes Bedauern, dass sie womöglich gar keinen Termin mehr anbieten kann.
Bei jedem Türeöffnen, dem hundertsten Mal an diesem Tag, bei jedem Erfragen des Verlaufes, der Symptome und des Befindens bedeutet es, da zu sein, frisch zu sein, interessiert zu sein, wachsam zu sein, zuzuhören, neu zu hören, neu zu tasten, neu zu sehen, abzuwägen, neu zu ordnen und neu und individuell und speziell zu entscheiden, zu beraten und zu verordnen.
Besinne Dich, Doc, auf das tägliche Neuerleben in jeder Familie, bei jedem Kind, bei jedem Patient. Die Menge verklärt den Blick auf das Einzelne. Das Alltägliche Deiner Praxis ist nicht das Alltägliche Deiner Patienten. Dein eigenes Kranksein magst Du vielleicht selbst einordnen in der profanen Grippewelle, wenn Du Dich selbst bei Dir Doktor nennst, aber als Patient bist Du spätestens dann so alltäglich wichtig wie jeder andere auch. Erwartest Du das von Deinem Gegenüber, dann erwarte das auch von Dir. Jeden Tag.

20 Kommentare zu „Besinnung im alltäglichen Grippewust

  1. Danke. Und: nach 10+ Elternjahren hat sich immerhin (schon seit einiger Zeit) eine gewisse Gelassenheit und Routine auch mit den „üblichen“ immergleichverschiedenen Symptomen eingestellt – nicht zuletzt dank der Gelassenheit der Kinderärztinnen und Kinderärzte, mit denen wir zu tun hatten. 🙂

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  2. Danke!
    Das passte gut. Saß heute mit dem fieberndem Kind auch bei unserem Kinderarzt des Vertrauens.
    Habe aber auch festgestellt, dass man beim zweiten Kind sowas viel gelassener nimmt als als Jung-Eltern ;).

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  3. .. in einer Welt, wo sich Eltern 24h am Tag nur um die Kinder drehen, dass eigene Kind der Mittelpunkt des Universums ist, jedes Nasenlaufen und Niesen sofort einer kinderfachärztlichen Untersuchung bedarf (und zwar immer zu dem Termin der den Eltern passt), fällt es zunehmend schwer das o.g. einzuhalten…

    Ich denke schon, dass sich die Anspruchshaltung der Eltern enorm verschoben hat. Geschuldet der zunehmenden Änsgtlichkeit und des Leistungsdrucks stehen Eltern unter Anspannung. Dem müssen wir entgegenwirken! Wir müssen der Gesellschaft klar machen, dass ein Virusinfekt eben auch mal 10-14 Tage dauern darf, und das Eltern dann eben 10-14 Tage bei ihrem kranken Kind zu Hause bleiben müssen. O-Ton in der Praxis wenn ich kindkrank verordne: „Das Jahr ist doch noch jung und ich habe doch nur 10 Tage“

    Schwierig…
    Das aber immer nur die Ärzte die Doofen sind, wo man mal so richtig den Frust abladen kann, dass sehe ich nicht mehr ein!

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  4. Es ist schwierig manchmal, wenn die Patienten die Praxis stürmen, alle Termine doppelt belegt sind und man doch für jeden ein bisschen Zeit und ein aufmunterndes Lächeln haben sollte. Wenn man zum 100sten Mal versucht hat zu erklären, warum bei einem Virusinfekt, ein Antibiotikum nicht hilft….wenn manche Menschen (zB. Männer ;-)) auch bei einfachen Infekten sehr leiden…usw.
    Danke für diesen Beitrag, der dazu anhält nach jedem Patienten einmal tief durch zu atmen und dem nächsten wieder die gleiche Aufmerksamkeit und Zuwendung zukommen zu lassen.

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  5. Ich sag nur: Gesellschaft der Individualisten. Jeder weiß alles besser, jede Mutter weiß etwas über ihr Kind, was nur sie wissen kann. Erfahrungswerte und Ausbildung von Ärzten, Erziehern usw. sind in den Augen der Leute nichts mehr wert. Klar ist das anstrengend.

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  6. Ich finde das auch toll, aber in Grippestoßzeiten wie jetzt bin ich unserem Arzt aber auch nicht böse wenn er uns ein wenig „abfertigt“.

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  7. Ich kann schon verstehen, dass Ärzte irgendwann genervt sind, wenn man wegen jedem Pippifax auf der Schwelle steht und sofort einen Termin braucht, das Problem ist nur, dass man als Mutter oft gar nicht die Wahl hat. Wenn meine Tochter krank ist mit Erkältung, Fieber, Husten, Schnodder und was halt so dazu gehört, würde ich sie zu Hause behalten, dafür sorgen, dass sie viel schläft und Luft bekommt. Trinken, inhalieren, Nase befeuchten, dafür brauche ich keinen Arzt. Aber der Hort verlangt von mir erst eine Krank- und dann eine Gesundschreibung, also muss ich den Arzt zweimal unnötig belästigen. Frage ich nach bekomme ich zu hören, wenn das Kind krank ist braucht es auch einen Arzt, auch wenn der seinen Zauberstab verlegt hat, um die Erkältung wegzuzaubern.

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  8. Chapeau an jeden Arzt, dem dies zu beherzigen gelingt!!
    Ich bin immer wieder berührt, wenn ich mit „meinen“ Kinderärzten im Gespräch feststelle, dass sie „ein Herz wie ein Bahnhof“ haben.

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      1. Ein Herz wo jeder erst einmal willkommen ist.
        Und da kommen oft viele „spezielle“ Gäste!
        Wenn es natürlich gelingt einen feinen Zug auf Reisen gehen zu lassen,
        der das „Mitmenschliche“ weiterbringt, umso schöner. 🙂

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