Neulich im Notdienst

Ich gehe in das Untersuchungszimmer. 7jähriger liegt auf der Untersuchungsliege, rechtes Hosenbein hochgekrempelt, unterhalb des Knies sieht man eine leicht gerötete Stelle, Typ oberflächliche Schürfwunde. Es ist 21.30 Uhr.
Der Vater sitzt am Kopfende und hält dem Jungen die Hand…

Ich: „So, was gibts denn bei Ihnen?“
Vater: „Na, da, die Wunde.“
Ich: „Ok, was ist das passiert?“
Vater: „Ist beim Fussball ausgerutscht. Geschürft.“
Ich: „Wann war das?“
Vater: „Vor drei Tagen.“
Ich: „Alles klar.“ Ich schaue mir kurz die Wunde an, sie sieht sauber aus, beginnt schon zu verschorfen. „Was haben Sie bisher gemacht?“
Vater: „Haben wir Pflaster gekriegt von Kinderarzt.“
Ich: „Und warum sind Sie jetzt da?“
Vater: „Na, Pflaster ist heute morgen abgegangen. Muß man neu machen.“
Ich: „…“ Ich schaue mir die Wunde nochmal an. Sie sieht wirklich, wirklich reizlos und klein aus.
Ich: „Da dürfen Sie – wenn Sie möchten – gerne ein Pflaster draufkleben, aber eigentlich würde ich´s eher offen lassen.“
Vater: „Sind Sie sicher? Doch Pflaster?“
Ich: „Luft ist besser für Schürfwunden, wirklich. Dann kann sie besser verkrusten.“
Vater: „Machen Sie mal Pflaster.“
Ich zucke mit den Schultern, ziehe die Schublade auf und hole ein banales Kinderpflaster raus. Ich reiche es dem Vater. „Bitte schön.“
Vater: „So etwas? Haben wir auch zuhause.“
Ich: „Genau. Mehr brauchts nicht.“
Vater: „Und warum bin ich dann in Krankenhaus gekommen?“

Keine Ahnung.

Achja: EBM-Ziffer 01210, erlöst 15,20€. Für mich in diesem Fall bequem verdientes Geld. Aber letztendlich „zahlt“ es ja die Krankenkasse. Das Pflaster gab´s kostenlos.

41 Einträge zu „Neulich im Notdienst

  • Sofort Wunddrainage unter Vollnarkose, Überwachung der Vitalfunktionen auf der Intensiv…

    Ach Mönsch. Übertriebene Sorge um Kinder – und medizinische Ahnungslosigkeit – kann viele Gesichter haben…

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    • Klingt hier eher nach Ahnungslosigkeit, finde ich – vielleicht im Zusammenhang mit einem (sprachlichen) Missverständnis. Denn wer weiß, was der Vater beim ersten Arztbesuch verstanden hat… 😉

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  • Ich konnte Pflaster schon als Kind nicht leiden.
    Und je dramatischer eine Wunde aussah, desto höher das Ansehen des Trägers. Der die schwere Verwundung offenbar tapfer ertrug.
    So war das früher bei uns. Scheint heute nicht mehr zu gelten.

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    • Ich glaube diese Art Bewunderung gilt nur in schlechten Kindheitsromanen und -erinnerungen. Meine Verletzungen mit den hübschen Narben waren eher Anlass zum Mitfühlen als zum Bestaunen meiner Tapferkeit (insbesondere da ja einige bei Zuziehen der Verletzungen anwesend oder behilflich waren).

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      • waaas? nanana, also meine kids *bestehen* auf einem pflaster. egal wohin. das darf dann auch bitte-danke auf das rechte knie gepappt werden, wenn man sich selbst in den linken daumen gebissen hat. hauptsache es ist bunt. und kann sofort wieder abgezogen werden.
        (wie gut, dass es die bei ikea billig im großpack gibt.)

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    • Das mit dem gesteigerten Ansehen wegen gewaltiger Wunden (oder Gipsverbände) gilt zumindest bei unserem Sohn (9 Jahre) und seinem Freundeskreis immer noch. Da er den dazu gehörenden Schmerz stets klaglos erträgt, kann er auch mit Gipsarm oder großflächigen Schürfwundern weiter mittoben, steht aber bei Spielkameraden und Erwachsenen im Mittelpunkt. Manchmal mag er das…
      Doch auch bei ihm ist ein Pflaster (besser: Verband) ein MUSS. Am besten natürlich neben die Wunde, damit man die besser zeigen kann!

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  • Meiner Tochter passieren dauernd die blödesten Unfälle. Momentan kämpfen wir schon mit dem 2. Knochenbruch in 5 Jahren… was würde ich für eine einfache Schürfwunde geben.

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    • Ja, guter Artikel, unterschreibe ich.
      Obige Wunde war aber so furztrocken und so was von oberflächlich, da war schon das erste Pflaster sinnlos.
      Ansonsten richtig: Feuchte Wunden bedecken, Pflasterwechsel regelmäßig, bis die Wunde trocken ist. Dann offen lassen. Kenne ich gar nicht anders.

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  • Achja, diese verweichlichten Kinder heutzutage.
    Wenn wir früher gestürzt sind, haben wir uns die Gedärme mit einer Hand in die Bauchhöhle zurückgestopft, mit der anderen Hand den Schulranzen geschultert und sind 20 km weit durch den Schneesturm zur Schule gelaufen. Ohne Schuhe, wir hatten ja damals nix. Und dabei ein fröhliches Liedchen gepfiffen.

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    • Jep, kenne ich. Bin vor etwas mehr als zwei Jahren mit dem linken Bein unter einen Buseinstieg (also diese Trittstufe) gerutscht. Bin nicht einmal hingefallen, nur gestolpert und dann – zack, rein in den Bus. Busfahrer hat noch gefragt, ob alles in Ordnung sei. Klar, war ja nicht so wild.
      Im Zug (zu dem wollte ich) habe ich mir dann, weil es immer noch fies weh getan hat, mal das Malheur angesehen. Ich weiß bis heute nicht genau, wie ich diese Wunde bezeichnen soll: Sie war verhältnismäßig tief (also keine Schürfwunde mehr), hat sauber – und lange – geblutet und ist lange nicht zu geheilt. Ich habe damals nicht den Schaffner gefragt, ob es irgendwo ein Pflaster gäbe, sondern bin mit dem Ding ganz cool 2 1/2 Stunden Zug gefahren.

      Die Narbe von der Verletzung sieht man bis heute, sie war lange sogar noch richtig blau, ohne weh zu tun.

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  • Irgendwann haben meine Schwester und ich festgestellt, dass wir zum Teil sehr verschiedene Erinnerungen an unsere Kindheit haben. Und an Redensarten unserer Eltern. Ich kannte den Begriff „Hasenbrote“ nicht – verschmähte/vergessene Schulbrote, die im Ranzen wieder nach Hause gebracht wurden und dann als Abendbrot verzehrt wurden. Ich habe nämlich meine Brote immer gegessen oder getauscht oder verschenkt.

    Meine Schwester hingegen hatte jenen typischen Spruch meiner Mutter angeblich „noch nie gehört“, der mich durch meine Kindheit begleitete: „Ungeschicktes Fleisch muss weg.“

    Das sagte meine Mutter immer mit leisem Seufzen, wenn ich wieder mal mit blutenden Schürf- oder Platzwunden an Knie/Ellbogen/Stirn oder mit gequetschter Hand oder Schnitt im Finger oder knallrot vom Fahrradsturz ins Brennesselgebüsch vor ihr stand, manchmal verheult. Den Spruch hatte sie von ihren Eltern geerbt, sie ist auf einem Bauernhof großgeworden, etwas Ruppigkeit gehörte dazu. Aber ich wurde, wenn nötig, auch getröstet und/oder verarztet, ruppig war meine Mutter nicht zu mir.

    Anscheinend war ich sowohl etwas wilder als meine Schwester als auch etwas ungeschickter. Ich war die mit den Knochenbrüchen und Unfällen, die außerdem von Fremden oft für einen Jungen gehalten wurde (was mir damals gut gefiel).

    Meine Mutter meinte kürzlich, sie habe manchmal lieber nicht nachgefragt, was passiert sei, wenn ich zum Beispiel im März patschnass nach Hause kam (ich war in den Fluss gefallen, der gerade Hochwasser hatte), sonst hätte sie mich danach vor Sorge bestimmt zuhause anketten wollen. Ich wunder mich gelegentlich, wie ich meine Kindheit überlebt habe… 😉

    Verabscheut habe ich übrigens Sprühpflaster, Kinderpflaster mit buntem Aufdruck gabs (in den Achtzigern) nicht – oder zumindest nicht in unserem Haushalt. Da es oft zu allergischer Hautreaktion kam wegen des Klebers im Pflaster, verheilte viel an der Luft.

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  • Bei uns gab es immer zuerst die Frage: „Brauchst du Jod drauf?“ . Und es gab immer die selbe Antwort: „Nein, geht schon! Ich geh wieder raus!“. Weil vor dem Pflaster musste erst das höllisch brennende Jod drunter. Deshalb brauchten wir keine Pflaster 😉

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    • Bei kleinen Verletzungen wie Schürfwunden am Knie habe ich immer sehr intensiv und mit sorgenvoller Miene die Wunde der Tochter betrachtet, während sie mir wortreich erklärte, was alles verletzt war.
      Das war zwischen uns ein bekannter Ablauf.
      Und nachdem das Kind mit der Erklärung für die Mutter fertig war, wartete es schon auf meine forsche und aufmunternde Frage:
      „Und? Muss was genäht werden?“
      Die darauf folgenden Lachanfälle – unterstützt und unterbrochen durch die Gabe von Gummibärchen – sind uns heute noch in – positiver – Erinnerung.
      🙂

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  • Bei uns hieß das Jod „Indianerfarbe“. Hat dadurch zwar nicht weniger gebrannt, aber mein Bruder und ich waren Stolz wie Oskar, wenn wir damit rumlaufen „mussten“.

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  • tja, nu weiß ich, wieso ich nie beim Arzt bin mit mir oder meinem Kind…ich kann denken 😉 Und habe Pflaster, diverse Kügelchen und gesunden Menschenverstand, oder sowas Ähnliches, bei Fieber geht es ab ins Bett und wenn es mal RICHTIG schlimm ist, wo ich auch ins Grübeln komme, na gut, dann halt zum FA…aber sonst, nönönö, volle Wartezimmer mit dem ganzen Rotz und so,,,üürgs ,schöner blog, finde ich! Danke für die Schmunzelattacken bei mir! LG K

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    • Naja, Kügelchen und gesunder Menschenverstand schließen sich aber eindeutig aus, außer Kügelchen werden als das verstanden was sie sind: Kleiner Zuckerbonbons zum Trösten… Aber da sind TicTacs halt billiger…

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      • Was mich ja am meisten an diesen Kügelchen stört ist, dass sie einfach IMMER gegeben werden, gerade bei Kleinkindern. Ich bin der Meinung, dass es bessere Wege gibt das Kind zu trösten als ihm beizubringen bei jedem Wehwehchen gleich etwas zu schlucken…

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        • Stimmt, aber bei uns wurde damals (vor ca. 30 Jahren) einfach einmal auf die schmerzende Stelle draufgepustet (als wir ganz klein waren, mit dem Kommentar: „Guck, da fliegt das Aua!“).
          Placebos zum Einnehmen könnten eine gewisse Konditionierung bewirken, d.h. das Kind glaubt von klein auf, man müsse bei jedem Wehwehchen eine Pille schlucken. Falls sie das später mit echten Pillen fortsetzen, ist das ziemlich ungesund.

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        • Da bin ich sehr einverstanden. Ich habe auch schon Kinder auf dem Spielplatz getroffen, die bei jedem eingeklemmten Furz nach Kügelchen schreien.
          Ich habe aber neulich zum Beispiel von einem Fall von Retentiver Obstipation bei einem Dreijährigen gehört, wo „Loslasskügelchen“ geholfen haben, den Knoten im Kopf zu lösen, damit das Kind danach auch ohne „Medizin“ seine Fäkalien wieder loslassen konnte.

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        • Ich will nicht die Diskussion hijacken, aber…

          Es gibt ein oft übersehene, sehr starke Gemeinsamkeit zwischen dem „Schulmediziner“, dem Homöopathen und dem traditionell chinesischen Mediziner:

          Alle verschreiben verdammt gerne etwas, das man eben schlucken muss. Problem X? Y schlucken! Bei Homöopathen sogar mehr als bei einem herkömmlichen Arzt.

          Und von dem her müsste man schon sagen, dass gerade ein „Schulmediziner“ die Dinge ganzheitlicher anschaut. 😉

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  • Hmm.. hätte ich dann gestern doch einen Rettungswagen rufen sollen als mein Kind sich mit einem Baum angelegt hat? … grübel.

    …Mal ernsthaft, bei solchen Menschen zweifel ich am gesunden Menschenverstand. Ich würde aus dem Krankenhaus keine 2 Meter mit meinen Kids raus kommen wenn ich wegen jeder Schürfwunde hin fahren würde.
    Die Wunde gestern wurde mit Octenisept gereinigt, dann kam Wundcreme und eine Kompresse drauf, selbsthaftender Strechverband einmal um die Brust und dann konnte er weiter spielen.

    Heute morgen war nichts mehr feucht, dank Desinfektion auch nichts entzündet. Also Verband ab und gut ist. Heilen tuts von alleine.

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  • Wo ist das Bauchgefühl der Eltern geblieben? Oder der Erfahrungsschatz? Haben die nie selber eine Schürfwunde gehabt? Ist es die allererste Schürfwunde des Kindes? Ich kann Eltern verstehen, die beim ersten Pseudokruppanfall ihres Kindes ausflippen, aber mit einer Schürfwunde in die Krankenhausambulanz? Wie kommt man auf die Idee?

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  • Auf der Frühgeborenenintensivstation gab es Klebepflaster für das Dauer-EKG mit Löwen, Bären und Lämmchen. Das reizende Pflegepersonal erzählte mir, es haben sich Eltern schon beschwert, dass ihr Kind immer nur Lämmchen kriegt, während die die anderen auch mit Bärchen oder Löwen verbappt wurden. Pflaster sind also schon eine emotionale Sache für Eltern, das versteht halt nicht jeder.

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  • Vielleicht trifft diese Möglichkeit zu:

    Seine Frau hat diese Schürfung kunstvoll verbunden, zuerst ordentliche Ladung Jod, dann eine Kompresse drauf, dann verbinden…

    Und dann weiss Papa nicht, wie man so einen Verband anlegt. Und geht damit zum Notfall. Und vielleicht nannten sie zu Hause schon den Verband eben „Pflaster“.

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