Jahresrückblick I – Lesepotpourri Oktober, November, Dezember + Best of 2020

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Nach dem lesereichen Sommerquartal die Durststrecke im Herbst und beginnenden Winter. Selten habe ich so wenige Bücher zu Ende gelesen, viele abgebrochen – sie werden hier trotzdem erwähnt – , ich habe viel Sachtexte gelesen, auch wegen Corona. Ich merke, wie sehr mich die Social-Media-Arbeit bei Twitter ablenkt, wie wenig ich mich auf einen längeren Text konzentrieren kann. Das muss sich im neuen Jahr ändern. Hier der Lesestoff der letzten drei Monate, abgeschlossene und abgebrochene:

The Long Walk von Stephen King

Dass ich ein ausgewiesener King-Fan bin, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben, jedenfalls schüttelt meine Familie weiterhin den Kopf über soviel Obsession. Neben John Irving und Ian McEwan ist Stephen King der einzige Autor, von dem ich so gut wie alle Bücher gelesen habe. Manch weniges fehlt noch, das aktuellste ist auch schon meins, aber „The Long Walk“ war schon lange auf meiner Liste. Geschrieben als Richard Bachman ist das Buch eines der alten, verschollenen, neu wieder zu entdeckenden, noch zu verfilmenden. Hundert junge Männer, eher Jugendliche, gehen den „Long Walk“, den nur einer überleben kann. Sie laufen, bis sie sterben. Simply as that. Wir erfahren nicht, warum, wir erfahren nicht genau, wie es ausgeht, soviel sei gespoilert. Ein Sog von einem Buch, eine Dystopie, eine coming-of-age-Story, ein echter King. Vielleicht sein bester? Weil: Kein Horror. Stephen King wird stets als der Horrorautor abgetan, aber seine stärksten Bücher schreibt er jenseits des Genres, das er selbst so sehr geprägt hat. (5/5)

Vor dem Sturm von Jesmyn Ward (übersetzt von Ulrike Becker)

Esch und ihre Brüder leben im Mississippi-Delta, ihre Mutter ist gestorben, der Vater hält die Familie mit Tagesarbeiten über Wasser, ansonsten ist er betrunken. Der Lebensmittelpunkt der beschriebenen Tage ist die Kampfhündin der Familie, die einen Wurf Welpen zu versorgen hat. Es sind die Tage vor dem Hurrikan Katrina, dessen Herannahen wie ein Damokles-Schwert über der Gegend liegt. Aber als er wirklich hereinbricht, sind die Menschen überrascht und geschlagen, gefangen in ihrem trüben Alltag. Das Überleben in der Armut funktioniert nur im familiären Zusammenleben und dem Glauben an das unausweichliche Schicksal, das für jeden den rechten Weg bereithält. Die Naturgewalt als Parabel auf den Schrecken des Lebens und das Rückbesinnen auf die Werte der Familie. Dieses Buch schwingt nach. (5/5)

Die Odyssee der Drehbuchschreiber von Christopher Vogler (übersetzt von Frank Kuhnke)

Wie viele, die gerne schreiben, lese ich gerne Bücher über das Schreiben, ob das wieder die erwähnten und autobiographischen Stephen King oder John Irving sind oder so praktische Bücher, wie die Dummie-Bücher: Ab und zu muss mal so was sein. „Die Odyssee der Drehbuchschreiber“ baut auf der Idee auf, dass alle Bücher und Filmideen auf der Heldenreise beruhen. Der Held bricht aus seiner eigenen, meist langweiligen, Welt auf, bekommt einen Zaubergegenstand in die Hand, trifft auf seinen Widersacher, auf den Mentor, auf wichtige Archetypen des Lebens. Er kommt in eine neue Welt, muss diese durchleben, scheitern, Prüfungen bestehen, um am Ende zu obsiegen. Dieses Muster gibt es in manchen Varianten in allen erzählenden Medien seit Anbeginn der Zeit, egal ob es sich um die Mythen der Antike oder moderne Geschichten wie Harry Potter oder Starwars handelt. Ein Augenöffner, wie die Engländer sagen, ein Sachbuch, das hochanalytisch, doch sehr amüsant die Strukturen der Romane, letztendlich sogar des Lebens zerpflückt. (5/5)

Verrückt nach Karten von Huw Lewis-Jones (übersetzt von Hanne Henninger)

Oh, ich liebe dieses Buch. Hochformatig, edel, schwer. Angefüllt mit Bildern von erfundenen und echten Karten, mit weitsichtigen Texten von Karten-Fans von Robert MacFarlane bis Reif Larsen. Die Geschichte der Karten wird erzählt, aber der Fokus liegt auf der Faszination von gezeichneten Welten, Wegen, Städten und Landschaften. Zum Festlesen, zum Schmökern, zum Verschenken, zum Hinstellen, zum Blätterpressen. Ich male gerne Karten, ich zeichne gerne Wanderwege und liebe selbstgemalte Wanderführer wie die Trailblazer aus England. Exaktheit wird überschätzt, die Subjektivität macht den Reiz. Gebt mir mehr davon. (5/5)

Herkunft von Saša Stanišić

Deutscher Buchpreis 2019. Ich mochte sein „Vor dem Fest“, wirklich. Ich mag auch seine Sprache, wirklich. Ich mag seinen Humor und seinen Twitter-Account. Aber hier bin ich nicht reingekommen. Tut mir leid. (2/5)

Stern 111 von Lutz Seiler

Preis der Leipziger Buchmesse 2020. Vielleicht bin ich doch nicht so eloquent und literaturgeübt, wie ich immer dachte, dass mich weder das Stanišić-Buch, wie auch Lutz Seiler nicht vom Hocker rissen. Hier geht es um die Zwischenjahre nach dem Mauerfall, die ungewisse Zeit. Der Protagonist (wohl autobiographisch) geht nach Berlin, nachdem seine Eltern in Westen rübermachen, um dort ein neues Leben zu beginnen. Dort lebt er in einem besetzten Haus, lernt eine politischschrille Kommune kennen, dann war ich raus… Die Sprache mag neu und unkonventionell sein, mir war da zu wenig Plot-Spannung drin. Tut mir leid. (2/5)

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… und traditionell noch meine Lieblingsbücher 2020 – gelesen habe ich insgesamt 33 Bücher, die ich hier, und hier und hier kurz besprochen habe:

Wanderers von Chuck Wendig

Herzfaden von Thomas Hettche

Vor dem Sturm von Jesmyn Ward (s.o.)

[Dieser Post enthält Affiliate Links zu Amazon] (c) Bild bei Flickr/Abhi Sharma (unter Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0) – Lizenz)

3 Gedanken zu “Jahresrückblick I – Lesepotpourri Oktober, November, Dezember + Best of 2020

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