Die Vorsorgeuntersuchungen – U9

Wir kommen zur abschließenden Vorsorgeuntersuchung des Vorschulalters, die U9. Seit einigen Jahren gibt es weitere Untersuchungen, eine U10, eine U11, aber sie wird noch nicht von allen Krankenkassen übernommen. Daher – für die Mehrzahl der Kinder: Die U9 ist die letzte Untersuchung beim Kinderarzt vor dem Schuleintritt.

In aller Regel geht es stramm auf die Einschulung zu, meist im gleichen oder im Folgejahr, viele Kinder haben in unseren Breiten bereits eine Einschulungsuntersuchung über sich ergehen lassen müssen, dort soll getestet werden, ob das Kind überhaupt schulreif sei. Das testen wir bei der U9 nicht, was manche Eltern nicht verstehen. Die U9 ist (wie alle Untersuchungen zuvor) eine Präventionsleistung, d.h. wir Kinder- und Jugendärzte sehen nach der Entwicklung der Kinder und empfehlen den Eltern diese Stärken noch mehr zu stärken, und vielleicht manche Dinge, die noch nicht so gut laufen, zu fördern. Von der Entscheidung zur Einschulung sind wir ausgeschlossen, dies bitten sich die KollegInnen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes und die ErzieherInnen auch aus.

Der Ablauf ist wie zuvor: Körpermaße, Blutdruckmessen, Urinstatus. Einen Hör- oder Sehtest schenken wir uns bei dieser Vorsorge, diese sind nach den neuen Kinderrichtlinien mit fünf Jahren nicht mehr vorgesehen, meist bekommen das die Kids bei der Einschulungsuntersuchung sowieso überprüft. Gibt es allerdings Anhalt für Hör- oder Sehstörung, dann findet eine Testung statt. Ansonsten unterscheidet sich die U9 nicht sehr von der U8, außer, dass nun die Zeit und der Druck richtig Schule größer wird.

Wir lassen die Kinder malen. Einen Haus, einen Baum, einen Menschen, sie dürfen ihren Namen schreiben und gerne andere Dinge, die ihnen Spaß machen. Wichtig ist, dass dabei eine fMFA zusieht (oder der Arzt), denn eine gute Stiftführung möchten wir beurteilen, kommentieren, vielleicht fördern, aber nie abwerten. Denn ein Kind malt, wie es malen möchte.

Ein Motoriktest schließt sich an, der Umgang mit dem Ball, das Einbeinhüpfen, das Balancieren, das Seithüpfen, usw. Die meisten Kinder können jetzt Fahrradfahren, ansonsten lernen sie es im kommenden Jahr (ohne Stützräder). Beim anschließenden Sprachtest geht es um Aussprache, um Satzbildung, um eine flüssige Satzbildung. Buchstaben, die noch nicht ganz sauber gesprochen werden müssen, sind das /S/ und das /SCH/, das Lispeln gibt sich in aller Regel mit dem späteren Zahnwechsel (außer es wird seitlich gelispelt), der Schetismus, also das Unvermögen, das /SCH/ sauber auszusprechen, kontrollieren wir kurzfristig innerhalb eines halben Jahres und geben dafür ein paar Übungen mit. Mehrsprachige Kinder, also Kinder, die Deutsch als Zweitsprache lernen, dürfen Akzente sprechen, dürfen also beispielsweise das /R/ rollen oder guttural sprechen, bestimmte grammatische Fehler machen (die in ihrer Muttersprache richtig wären).

Bei der U9 ist mir persönlich wichtig, wie das Kind sich spontan verhält, ich freue mich daher immer, wenn eine Spielsituation entsteht, entweder mit mir oder im Alleinspiel, während ich mich mit der Mutter unterhalte. Dabei kann ich viel herauslesen: Kann sich das Kind ausreichend konzentrieren (obwohl eine ungewohnte Situation vorliegt), sucht sich das Kind spontan ein eigenes Spielzeug, lässt es die Erwachsenen auch einmal reden, ohne gleich an Vater oder Mutter zu kleben. Das sind auch Reifezeichen für die spätere Einschulung. Aus diesem Setting (meist zum Ende der Untersuchung, wenn alle ein wenig aufgetaut sind) profitiere ich am meisten, die Eltern dürfen ihre Fragen und Sorgen loswerden, wir schauen in die Zukunft, was nun auf dem Weg zur Einschulung noch wichtig sein könnte.

Die U9 macht Spass, ich mache sie total gerne. Die Kinder wollen was zeigen, sie sind stolz auf die Dinge, die sie schon können, sie fiebern auf die Schule hin. Das Bildermalen, die ersten Buchstaben, das Fahrradfahren, all das ist Teil des Erwachsenenlebens, des Herauswachsens aus dem Kleinkinddasein. Deshalb bestärke ich die Eltern auch darin, dass die Kinder jetzt Aufgaben übernehmen dürfen, im Haushalt, beim Einkaufen, im Garten, im eigenen Zimmer (Aufräumen!). Die Kinder sollten spätestens jetzt gelernt haben, was Respekt gegenüber anderen Menschen bedeutet, sie sollten selbst zuhören können, anderen Kindern ihre Freiheiten lassen, beim Spielen abwechseln, bei Brettspielen auf den anderen achten und beim UNO warten, bis sie dran sind.

Sie dürfen jetzt grösser werden.


Aus dieser Reihe:
Die Vorsorgeuntersuchungen – U1
Die Vorsorgeuntersuchungen – U2
Die Vorsorgeuntersuchungen – U3
Die Vorsorgeuntersuchungen – U4
Die Vorsorgeuntersuchungen – U5
Die Vorsorgeuntersuchungen – U6
Die Vorsorgeuntersuchungen – U7
Die Vorsorgeuntersuchungen – U7a
Die Vorsorgeuntersuchungen – U8

(c) Bild bei pixabay/mfacchinetti (lizenzfrei)

11 Gedanken zu “Die Vorsorgeuntersuchungen – U9

  1. Danke für den interessanten Beitrag. Leider hat mein jüngeres Kind bei der letzten Vorsorgeuntersuchung nicht mitgemacht; mal gucken wie es bei der U9 sein wird. Bei meiner älteren Tochter war es tatsächlich wie hier beschrieben: sie war stolz auf sich und ihr Können und hat es gern gezeigt. 🙂

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  2. Ohhh, der Schetismus hat unseren Fast-Fünfjährigen noch sehr fest im Griff… Kommt noch dazu, dass er ein Daumenlutscher aus dem Buche ist. Mir graut es daher vor der U9 im März.
    Gibst du hier vielleicht ein paar Sch-Übungen preis…? 🤩
    Viele Grüße!

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    1. Das sprengt hier etwas den Rahmen. Zähne zusammenbeißen und übertrieben nuscheln soll helfen. Und das Üben des stets geschlossenen Mundes, wenn man nichts zu sagen oder zu essen hat.

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  3. Zitat:
    „ Mehrsprachige Kinder, also Kinder, die Deutsch als Zweitsprache lernen, dürfen Akzente sprechen, dürfen also beispielsweise das /R/ rollen oder guttural sprechen, bestimmte grammatische Fehler machen (die in ihrer Muttersprache richtig wären).“

    Wie soll der Arzt überprüfen können, ob der Grammatikfehler in jener Sprache richtig wäre, wenn er nicht zufällig ebenfalls diese andere Sprache beherrscht?

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  4. Wie geht ihr mit Kindern mit Behinderungen um? Meiner hat eine Entwicklungsstörung unklarer Herkunft, ist jetzt 5, aber auf dem Stand eines 3-jährigen. Dennoch fordert man von ihn all die Dinge ein, die bei der U vorgesehen sind. Mir tut das in der Seele weh. Unser Sohn kriegt alle Förderungen, die möglich sind, wir sind im SPZ angebunden und dennoch…

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    1. Wir lassen vor allem die Fragebögen weg, weil das die Eltern tatsächlich sehr frustriert. Andererseits müssen wir ja beurteilen, ob der Rückstand vielleicht kleiner wird, d.h. auch Dinge in die U packen, die mal über dem Entwicklungsalter liegen. Aber klar berücksichtigen wird das.
      Mein Vorschlag sowieso: Wenn die Kinder im SPZ einmal im Jahr aufschlagen, warum nicht dort die U mitmachen lassen? (Weil das die Lobby der Niedergelassenen ablehnt…)

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      1. Stimmt, aber auch bei früh geborenen wird das ja berücksichtigt. Schade finde ich immer wenn die u als Angriff oder lästige Pflicht gesehen wird. Frage ist auch, warum es der Mutter in der Seele weh tut….. Leidet das Kind selbst darunter oder wird es einfach spielerisch untersucht….

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        1. Den Müttern (oder allgemein den Eltern) tut es weh, wenn ihnen immer wieder vor Augen geführt wird, was das eigene Kind alles NICHT kann, obwohl es das vom Alter her können sollte. Der allgemeine Rat lautet ja immer „Kinder nicht vergleichen. Jedes Kind ist anders und lernt in seinem Tempo.“ – wenn das Kind aber gar nicht mehr ins Schema passt und man dennoch genötigt ist, einen Fragebogen auszufüllen, der mit der eigenen Realität nur extrem wenig zu tun hat, kann das unheimlich frustrierend sein. Vielleicht nicht beim ersten Mal, aber bei der x-ten Wiederholung eben doch.

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      2. Danke. Ja, der Fragebogen. Ich erinnere mich mit Schaudern daran. An irgendeine U und die erste Frage in diesem Bogen lautete „Ihr Kind spricht in 6-Wort-Sätzen!“ Unserer konnte gerade mal so in 2-Wort-Sätzen sprechen. Ich hab mit dem Bogen an der Anmeldung gestanden und erstmal geheult.

        @ Zeppelin: Ich bin mit der Behinderung meines Kindes meistenteils sehr im Reinen, ich liebe ihn so wie er ist. Dennoch sind wir als Eltern sehr oft sehr gefordert, das zum Thema „Frage ist auch, warum es der Mutter weh tut!. Es gibt Phasen, wo man sehr am Limit ist und ja, da darf einem die Beeinträchtigung des Kindes weh tun.

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